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15.08.2007

Ärger mit dem achtjährigen Gymnasium

Die Kultusminister der konservativ regierten Bundesländer wollen das Unterrichtspensum am achtjährigen Gymnasium verringern. Das nächste Plenum der Kultusministerkonferenz soll sich mit dem Vorhaben beschäftigen.

Ein einstimmiger Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) ist die Voraussetzung für die gegenseitige Anerkennung des Abiturs in den sechzehn Bundesländern. Derzeit sind 265 Jahresunterrichtswochenstunden vom fünften Schuljahr bis zum Abitur die Untergrenze. Sie war von den Kultusminis-tern der westlichen Bundesländer nach der Vereinigung zur Bedingung gemacht worden, dass das Abitur nach zwölf Jahren in einigen östlichen Bundesländern anerkannt wurde (/ gültiger KMK-Beschluss).

In den letzten Jahren haben nahezu alle Bundesländer damit begonnen, die gymnasiale Schulzeit auf acht Jahre zu verkürzen. Sie folgen damit Sachsen und Thüringen, die nach der Vereinigung bei der in der DDR üblichen Praxis von 12 Jahren Schulzeit bis zum Abitur geblieben waren (/ Übersicht KMK ).

Die Schulzeitverkürzung erfolgt meist ohne hinreichende Anpassung der Lehrpläne und Stundentafeln. Die Unterrichtszeit wird in der Mittelstufe erhöht und zudem in einen Halbtagsschulbetrieb gepresst. Das führt allzu oft dazu, dass gerade die jüngeren Schüler/innen einen sieben- bis achtstündigen Unterrichtstag haben, der sich ohne vernünftige Mittagspause bis in den Nachmittag hinein zieht. Der Leistungsdruck auf die Schüler/innen wird – gerade in der Mittelstufe – enorm erhöht.

Für einen ganztägigen Schulbetrieb fehlt jedoch in der Regel die räumliche Ausstattung, noch sind die übergangsweise zusätzlich erforderlichen Lehrer/innen vorhanden – ganz zu schweigen von Kantine, Essenangebot und einem pädagogisch sinnvollen Ganztagskonzept.

Die Proteste der Eltern bleiben nicht aus. Oder die Eltern wählen – wo sie können – eine Integrierte Gesamtschule für ihre Kinder, weil es dort bei neun Schuljahren bleibt. Beides keine komfortable Situation für konservative Schulpolitiker.

Nun beginnt bei den konservativen Kultusministern das große Nachdenken, wie sie der misslichen Situation begegnen können. Die Ideen, die öffentlich präsentiert werden, sind nicht originell, dafür aber konfliktträchtig. Die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, Barbara Sommer (CDU), dachte laut über Samstagsunterricht nach – und erntete Proteststürme. Der saarländische Bildungsminister und Vizepräsident der KMK, Jürgen Schreier (CDU), will die Unterrichtszeit in der Grundschule gegen rechnen und macht sich damit erst recht lächerlich.

Nach der aktuellen Statistik der Kultusministerkonferenz bekamen saarländische Grundschüler/innen im Schuljahr 2005/2006 nämlich durchschnittlich eine Stunde pro Woche weniger Unterricht als im Bundesdurchschnitt üblich. Anzurechnen gäbe es danach im Saarland nichts – im Gegenteil, die Schulzeit im Gymnasium müsste schleunigst wieder verlängert werden. Nur Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Sachsen liegen über dem Bundesdurchschnitt. (Grafik: / Unterrichtsstunden - Gymnasien, nach Bundesländern) Sollte der saarländische Kultusminister jedoch daran denken, die Sekundarstufe I dadurch zu entlasten, dass in der Grundschule Unterrichtszeit und Leistungsdruck erhöht werden, werden auch dies die Eltern nicht ohne Protest hinnehmen. Auch die Lernzeit an Grundschulen lässt sich pädagogisch sinnvoll nur erhöhen, wenn ein rhythmisierter Ganztagsunterricht mit Mittagessen, viel Bewegung und ausreichend langen Pausen eingeführt wird.

Insgesamt ist die Situation in den Bundesländern denkbar uneinheitlich. Ein Schüler, der Ende des Schuljahres 2005/2006 sein Abitur gemacht hat, hat nach Angaben der Kultusministerkonferenz in der Sekundarstufe I des Gymnasiums zwischen 215,3 Jahreswochenstunden in Berlin und 188,1 in Mecklenburg-Vorpommern erhalten (Grafik: / Unterrichtswochenstunden je Schüler nach Bundesländern). Die Anzahl der Jahreswochenstunden in der gymnasialen Oberstufe weist die KMK nicht aus. Hier lässt sich nur vergleichen, wie viel geleistete Unterrichtsstunden auf einen Schüler entfallen, wenn man so tut, als hätten die Schüler Einzelunterricht erhalten und wären nicht gruppen- / klassenweise unterrichtet worden. Auch hier werden erhebliche Unterschiede sichtbar. Sie liegen zwischen 5,78 Stunden in Rheinland-Pfalz und 3,80 Unterrichtsstunden (als „Einzelunterricht“) in Thüringen. (Grafik : / Unterrichtsstunden Grundschule).

Es gibt also noch jede Menge Spielraum und Anlass für die Kultusminister, sich mengenmäßig auf ein einheitliches Pensum zu einigen und die Lehrpläne entsprechend anzupassen. Aber mit dem dilettantischen und hektischen Gewurstel sollte bald mal Schluss sein.

Marianne Demmer

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