Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
06.04.2011

Ausnahmezustand in Ouagadougou

Tagestemperaturen von über 40 Grad und nächtliche Ausgangssperre ab 21.00 Uhr: Unter außergewöhnlichen Bedingungen fand der Kongress der burkinischen Bildungsgewerkschaft SYNTER statt, an dem drei GEW-KollegInnen teilnahmen.

Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. Im Human Development Index der UNO wird der afrikanische Staat auf Platz 161 von 169 Ländern gelistet. Seit Jahren pflegt die GEW partnerschaftliche Beziehungen mit der burkinischen Bildungsgewerkschaft SYNTER, die Lehrkräfte an Sekundarschulen und Universitäten organisiert. Vom 31.3. bis 2.4. 2011 fand in der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou der zwölfte nationale Kongress der SYNTER statt. Inhalt und Begleitumstände dieses dreitägigen Gewerkschaftskongresses, an dem etwa zweihundert Delegierte teilnahmen, waren alles andere als einfach. Die Auswirkungen der globalen Finanzkrise treffen ein armes Land wie Burkina Faso besonders stark. Die Bevölkerung leidet unter den steigenden Lebenshaltungskosten, das Bildungssystem droht zu kollabieren. Viele Menschen leben im informellen Sektor, Kinderarbeit ist weit verbreitet. Im Land herrscht große Unzufriedenheit mit der 22-jährigen Regentschaft von Blaise Compaoré, der sich wenig um die Entwicklung seines Landes und die Perspektiven der Jugend kümmert. Seit dem Ende der 1980er-Jahre hat sich die Situation in Burkina Faso ständig verschlechtert.

Links: Das Bildungssystem droht zu kollabieren: Schülerinnen und Schüler in Ouagadougou.
Mitte: Im Land herrscht große Unzufriedenheit.
Rechts: Kinderarbeit in einem Steinbruch in Ouagadougou

Die dreiköpfige GEW-Delegation, bestehend aus Manfred Brinkmann (GEW Hauptvorstand), Günther Fuchs (GEW Brandenburg) und Sabine Tölke-Rückert (GEW Baden-Württemberg), konnte die Spannungen und den Zorn der Bevölkerung hautnah erleben. Seit Wochen kommt es in der Hauptstadt und in anderen Städten des Landes zu Demonstrationen von Schülern, Studenten und Händlern. Eine Gruppe des Militärs probte den Aufstand, Richter streikten. Nach mehrtägigen nächtlichen Schießereien in Ouagadougou verhängte die Regierung ab 21.00 Uhr im ganzen Land eine Ausgangssperre. Dies zwang abends zur frühzeitigen Beendigung des SYNTER-Kongresses. Tagsüber fiel in der 1,5 Mio-Einwohner-Stadt immer wieder stundenlang der Strom aus. Den ersten Kongresstag verbrachten wir daher schwitzend bei 44 Grad Hitze in einem Saal ohne funktionierende Klimaanlage gemeinsam mit den SYNTER-Delegierten, die aus allen Landesteilen in die Hauptstadt gereist waren. Dieser Tag war den nationalen und internationalen Gästen aus Frankreich, dem Senegal, Mali und Deutschland gewidmet, die über die Situation der Bildungssysteme in ihrem jeweiligen Land berichteten. Die Probleme ähneln sich, jedoch auf unterschiedlichem Niveau: Das Ziel einer qualitativ guten Bildung für alle wird durch Privatisierungsdruck im Bildungswesen gefährdet. Bildungsausgaben werden gekürzt, es herrscht mangelnder politischer Wille der Regierungen, das Bildungswesen zu verbessern. Heftig kritisiert wurde die Weltbank, deren Politik zur Kürzung öffentlicher Ausgaben und Privatisierung von Schulen führt.

Links: Zweihundert Delegierte nahmen am SYNTER-Kongress teil.
Mitte: Mamadou Barro (links) mit den internationalen Gästen aus Deutschland, Frankreich, Mali und dem Senegal
Rechts: Der brandenburgische GEW-Landesvorsitzende Günther Fuchs gibt eine Unterrichtsstunde in einer Deutschklasse eines Gymnasiums.

Nach den Rechenschaftsberichten wurde am zweiten Kongresstag in Gruppenarbeit über die Umstrukturierung von SYNTER zu einem Gewerkschaftsbund (F-SYNTER) beraten. Unter dem Dach von F-SYNTER soll es zukünftig eigenständige Gewerkschaften der Lehrer, der Universitäts- und der Schulaufsichtsbeschäftigten geben. Dazu wurde eine neue Satzung erarbeitet. Für die Zeit vom 13. bis 15. April beschlossen die Delegierten einen dreitägigen Streik an den Schulen des Landes, um die Regierung zu einer Reaktion auf die seit langem gestellten Forderungen der Gewerkschaft zu zwingen.

Am dritten und letzten Kongresstag fanden die Wahlen zum neuen F-SYNTER-Vorstand statt. Der langjährige Generalsekretär Mamadou Barro wurde erneut mit nur einer Gegenstimme wieder gewählt. Auch sein Stellvertreter Souleymane Badiel wurde fast einstimmig bestätigt. Eine kleine Revolution: Zwanzig Prozent des neuen F-SYNTER-Vorstands sind Frauen, d. h. drei von fünfzehn Mitgliedern. Im alten Vorstand war bisher nur eine Frau vertreten. „Das stärkere Engagement von Frauen in unserer Gewerkschaft ist nicht zuletzt auch Ergebnis der Unterstützung durch die GEW“, so Mamadou Barro. Die Abschlussveranstaltung des Kongresses fand gemeinsam mit zahlreichen anderen Gewerkschaften im Haus des burkinischen Gewerkschaftsbundes CGTB statt, dessen größte Mitgliedsgewerkschaft F-SYNTER ist. Wegen der Ausgangssperre musste die geplante Abschlussfeier leider ausfallen.

Links: Auszählung der Stimmen
Mitte: Sabine Tölke-Rückert mit SYNTER-Frauen
Rechts: Die Abschlussfeier fiel wegen abendlicher Ausgangssperre aus.

Text und Fotos: Sabine Tölke-Rückert, Manfred Brinkmann


Mamadou Barro nach seiner Wiederwahl als SYNTER-Generalsekretär




/ zum Seitenanfang