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05.07.2010

Vom Landarbeiter bis zur Dienstbotin: Warum und unter welchen Bedingungen Mädchen und Jungen arbeiten

Kinderarbeit ist ein sehr komplexes Problem. Die Frage nach Ursachen, Auswirkungen und Auswegen führt von Land zu Land und selbst im Vergleich zwischen Regionen zu unterschiedlichen Antworten. Zugleich zeigen sich aber auch Gemeinsamkeiten. Eine davon: Durch die zunehmende Globalisierung werden Produkte, an deren Herstellung Kinder beteiligt waren, auch in vielen deutschen Geschäften angeboten.

Wie sieht die Realität der Kinderarbeit aus? Fakt ist: Zumindest ein Teil der arbeitenden Kinder verrichtet schwere Tätigkeiten (s. Kasten unten), die teilweise zwangsläufig zu dauerhaften gesundheitlichen Schäden führen. Dies gilt für schuftende Kinder auf den Kakaoplantagen Westafrikas ebenso wie für diejenigen in den Steinbrüchen Indiens oder die, die in den Goldminen im Osten der Demokratischen Republik Kongo unter schlimmsten Bedingungen malochen müssen. Ebenfalls weit verbreitet ist der Einsatz von Kindern bei sehr monotonen Arbeiten, etwa in den Teppichknüpfereien Indiens oder auf Baumwollfeldern Westafrikas.

Unterschiedliche Facetten

Dies widerlegt das oft gebrauchte Argument, Kinder erhielten über die Arbeit zumindest eine Ausbildung und könnten so später ihren Lebensunterhalt besser bestreiten. Zwar gibt es Arbeitsstätten, an denen durchaus sinnvolle und nützliche Tätigkeiten und Fertigkeiten erlernt werden können. Aber: Hat dies nicht Zeit bis nach zumindest einem ­ers­ten Schulabschluss? Müssen Kinder schon mit acht oder zehn Jahren arbeiten? Zudem wird häufig ignoriert, dass zahlreiche Kinder für Tätigkeiten eingesetzt werden, für die weder ein Anlernen noch eine Ausbildung erforderlich ist.

Es gibt ein ganzes Bündel Gründe, wa­rum Kinder arbeiten: Ein Teil lebt alleine auf der Straße und hätte sonst keine andere Überlebenschance. Eine Realität, die in vielen Großstädten der Entwicklungsländer zu beobachten ist. Doch das ist, wie die Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) belegen (s. Kasten S. 13), eher die Ausnahme. Der typische Arbeitsplatz He­ranwachsender ist der elterliche, meist landwirtschaftliche, Betrieb.

Unterschiedliche Facetten der Kinderarbeit zeigen sich beispielsweise in Indien, dem Land mit der größten Zahl arbeitender Kinder. Umfragen haben schon vor mehr als zehn Jahren gezeigt, dass nahezu alle indischen Eltern ihre ­Kinder in die Schule schicken wollen, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Diesem Wunsch stehen jedoch viele Hindernisse entgegen. Eine Hürde ist der Teufelskreis der Kinderarbeit selbst: Aus armen arbeitenden Kindern werden Erwachsene ohne Bildung(schancen). Diese leben häufig wieder in Armut und schicken nun ihre Kinder auf die Felder und in die Haushalte.

Bildung der Mutter zählt

Um diese Mauern zu durchbrechen, ist es vor allem wichtig, dass Mädchen und Frauen Schulbildung erhalten. In Familien, in denen die Mutter lesen kann, gingen laut einer Umfrage aus dem Jahr 2000 93,7 Prozent der fünf- bis 14-jährigen Kinder zur Schule. Konnten beide Elternteile weder lesen noch schreiben, waren es dagegen lediglich 28,1 Prozent.

Eine weitere Beobachtung widerlegt das häufig angeführte Argument, Armut sei der Hauptgrund für Kinderarbeit. Zwar geht z. B. in Indien die Hälfte der Kinder aus den ärmsten Familien nicht zur Schule. Indische Nichtregierungsorganisationen weisen jedoch darauf hin, dass immerhin die Hälfte aller Kinder aus den ärmsten Familien eine Schule besucht. Wenn diese es schaffen, ihre Kinder trotz Armut zur Schule zu schicken, stellt sich die Frage: Wie kann der Schulbesuch auch für die andere Hälfte organisiert werden?

Eine mögliche Antwort ist im Bildungs­system und auf dem Arbeitsmarkt der Entwicklungsländer zu suchen. In einigen Regionen Indiens etwa ist das Schulsystem qualitativ so schlecht, dass viele Eltern keinen Sinn darin sehen, Geld für die Ausbildung der Kinder auszugeben. In anderen Regionen ist die Arbeitslosigkeit extrem hoch. Einige Arbeitgeber nutzen zudem die Not der Menschen aus und stellen gezielt schlecht bezahlte Kinder ein, um die Löhne der Erwachsenen zu drücken. Millionenfach erhalten Erwachsene so wenig Lohn, dass sie gezwungen sind, ihren Nachwuchs mitarbeiten zu lassen, um überleben zu können.

Bei der Ursachenforschung für Kinderarbeit stößt man auch auf Traditionen und Diskriminierungen: Es gibt überall benachteiligte soziale Gruppen, in Indien sind dies vor allem Dalits („Unberührbare“) und Adivasi (Ureinwohner). Deren Kinder besuchen oft keine Schule, weil sie im Alltagsleben und selbst in vielen Schulen systematisch diskriminiert werden. Sie befürchten, auch mit einem Bildungsabschluss nie Zugang zu attraktiven Arbeitsplätzen zu bekommen. Ein erheblicher Teil arbeitender Kinder, darunter viele aus Dalit- und Adivasifamilien, trägt mit dem Erwerb auch Schulden der Familie ab.

Stark benachteiligt sind Wanderarbeiter, die häufig aus sozial diskriminierten Gruppen stammen und ihre armen Heimatregionen auf der Suche nach einer Beschäftigung verlassen haben. Auch hier sind Kinder und Erwachsene in einem Teufelskreis gefangen: Ganze Bundesstaaten Indiens fallen ökonomisch, verglichen mit dem Rest des Landes, immer weiter zurück. Ihr Bildungssystem ist schlecht, die Unternehmen investieren mangels qualifizierter Arbeitskräfte nicht in diesen Regionen. Hier kommen viele Millionen Wanderarbeiter her, die sich unmittelbar neben ihren Arbeitsstellen – etwa wirtschaftliche Betriebe, Minen oder Fabriken – mit ihren Familien niederlassen, Um sie kümmert sich niemand. Staatliche Garantien eines Rechts auf Bildung greifen vielerorts nicht einmal so weit, dass zumindest Schulen zur Verfügung gestellt werden. Ohne Schulen und mit oft äußerst niedrigen Einkommen bleibt vielen Wanderarbeitern kaum eine andere Wahl, als ihre Töchter und Söhne arbeiten zu lassen.

Die am Beispiel Indien aufgezeigten Probleme der Kinderarbeit sind auch in anderen Ländern zu beobachten. Wenn beispielsweise in der Elfenbeinküste die nächste Schule viele Kilometer vom Dorf entfernt ist und zugleich die Hälfte der Kinder nach Abschluss der sechs­ten Klasse nicht einmal einfachste Sätze schreiben kann, warum sollten, fragen sich die Eltern, während der Kakaoernte „teure“ Saisonkräfte eingestellt werden, statt sich der Töchter und Söhne zu bedienen?

Schlechtere Bildungschancen

Viele Studien belegen, dass arbeitende Kinder wesentlich schlechtere Bildungs­chancen haben als ihre nicht arbeitenden Altersgenossen. Die Schulergebnisse werden umso schlechter, je länger die Arbeitszeiten sind. Besonders betroffen sind Mädchen, die neben der Arbeit auf den Feldern oder in Betrieben zusätzlich in Haushalten mitarbeiten.

Auf dem Land wird die Situation häufig durch eine miserable Infrastruktur des Bildungswesens verschärft. Lange Schulwege lassen sich nur selten mit den Arbeitszeiten der Mädchen und Jungen vereinbaren. Bereits erprobte Maßnahmen wie die Abschaffung der Schulgebühren oder auch Geldtransfers an Familien, verbunden mit der Auflage, damit den Schulbesuch oder Schulspeisungen zu finanzieren, tragen dagegen direkt zur Verbesserung der Situation der Heranwachsenden bei.

In dem Zusammenhang fällt auf, dass sowohl die Regierungen vieler afrikanischer Staaten als auch die Indiens, Bangladeschs oder Pakistans, gemessen am Staatshaushalt, wenig Geld für Bildung ausgeben. Das sind aber genau die Länder, in denen zur Zeit besonders viele Kinder arbeiten und dies auch künftig tun werden.

Nach derzeitigen Prognosen werden auch 2015 noch mindestens 56 Millionen Kinder im schulpflichtigen Alter nicht lesen, schreiben und rechnen lernen.

Auswege

Kinderarbeit ein Ende zu setzen, ist dennoch möglich. Das zeigt ein Blick in die Geschichte: Vor rund 150 Jahren war es auch in Deutschland üblich, dass Kinder arbeiteten. Unser heutiger Wohlstand beruht aber unter anderem darauf, dass Kinderarbeit erfolgreich bekämpft wurde und die Weichen für ein gutes Bildungssystem gestellt worden sind.

Dass eine enge Verzahnung von Sozial- und Bildungspolitik, verbunden mit einer breiten gesellschaftlichen Mobilisierung, große Fortschritte bringen kann, zeigt auch der indische Bundesstaat Kerala. Hier besuchen nahezu alle Kinder eine Schule – und dies seit Jahrzehnten. Die massive Verringerung des Anteils arbeitender Kinder in Verbindung mit besseren Bildungschancen hat dem Bundesstaat mehr Wohlstand gebracht. Andere Regionen Indiens und die Regierungen vieler Staaten haben begonnen, ähnliche Wege einzuschlagen. Da der größte Teil der Kinder für den heimischen Markt arbeitet, müssen die Regierungen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen unterstützt werden, die die Lage der Kinder vor Ort verbessern wollen. In Anbetracht der rund 215 Millionen arbeitenden Kinder (s. Kasten oben) bleibt aber noch viel zu tun.

Als Verbraucher sollte man sich bewusst machen: Deutsche Unternehmen sind mitverantwortlich für Kinderarbeit, wenn sie etwa beim Einkauf die Preise so weit drücken, dass die Beschäftigten auf den Feldern und in den Fabriken mit ihren Einkommen ihre Familien nicht ernähren können. Wer jedoch zumindest grundlegende Sozial- und Umweltstandards in der Güterproduktion sicherstellen will, muss auch bereit sein, die Waren entsprechend zu bezahlen ­
(s. Seite 15 ff.).

Friedel Hütz-Adams,
wissenschaftlicher Mitarbeiter SÜDWIND e.V. – Institut für Ökonomie und Ökumene

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Internationalen Arbeitsorganisation ILO (International Labour Organisation) zur Kinderarbeit

ILO-Definition von Kinderarbeit

Als Grundlage der Einordnung, ab wann die Arbeit von Kindern nicht mehr zulässig ist, dienen in der Regel die entsprechenden Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labour Organisation, ILO), einer Unterorganisation der Vereinten Nationen. Das 1973 verabschiedete „Übereinkommen 138 über das Mindestalter für die Zulassung zur Beschäftigung“ gilt sowohl für bezahlte als auch für unbezahlte Kinderarbeit. Leitgedanke bei der Festlegung des erlaubten Arbeitsalters ist die Überzeugung, dass Kinder bis zum 14. Lebensjahr eine Schule besuchen sollen.

Das Übereinkommen


  •  verbietet generell die Beschäftigung von Kindern, die jünger als 13 Jahre sind;
  • erlaubt unter bestimmten Bedingungen leichte Arbeit für 13- bis 15-Jährige. In Entwicklungsländern kann dies schon für Zwölfährige gelten. Als „leicht“ gilt eine Arbeit, wenn diese einen geregelten Schulbesuch nicht behindert und weder für die Gesundheit noch die Entwicklung schädlich ist;
  • verlangt als Mindestalter für eine Vollzeitbeschäftigung 15 Jahre, wobei Entwicklungsländer auch 14 Jahre als Mindestalter gesetzlich festsetzen können;
  • verbietet auch für 15- bis 18-Jährige alle Arbeiten, die für die Gesundheit, Sicherheit oder Moral der Jugendlichen gefährlich sein könnten.
    Es gibt Kernbereiche, in denen keine Ausnahmen vom Verbot der Kinderarbeit erlaubt sind. Dies gilt beispielsweise für Beschäftigungen, die den Umgang mit gefährlichen Stoffen erfordern. Bis Mai 2010 haben 155 der 183 ILO-Mitgliedsstaaten das Übereinkommen unterzeichnet. Aufgrund der zögerlichen Mitarbeit der ILO-Staaten folgte 1999 als Ergänzung des 138er-Papiers das „Übereinkommen 182 über das Verbot und über unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit“. Dieses fordert ein sofortiges Ende
  • von Sklaverei, Sklaverei ähnlicher Zwangsarbeit und Zwangsrekrutierung von Kindern als Soldaten;
  • von Kinderprostitution und Produktion von Kinderpornographie;
  • des Einsatzes von Kindern in illegalen Bereichen (z.B. Drogenhandel);
  • von Arbeit, die der Gesundheit, Sicherheit oder Moral schadet.
    Bis Mai 2010 haben 171 der 183 ILO-Staaten das Regelwerk unterzeichnet.

Bis Mai 2010 haben 171 der 183 ILO-Staaten das Regelwerk unterzeichnet.


Zur Entwicklung der Kinderarbeit

Die Internationale Arbeitsorganisation (International Labour Organisation, ILO) legt regelmäßig Berichte über die weltweite Entwicklung der Kinderarbeit vor. Ist die ILO vor wenigen Jahren noch optimistisch von einer schnellen Reduzierung der Zahl arbeitender Kinder ausgegangen, so nehmen sich die neuesten Prognosen von Anfang 2010 wesentlich vorsichtiger aus. Den Erhebungen zufolge arbeiteten Ende 2008 rund 215 Millionen Kinder in einem solchen Umfang, dass es gegen die geltenden Standards der ILO verstößt. Davon wiederum 115 Millionen in „gefährlichen Beschäftigungsverhältnissen“, z. B. in Minen und Steinbrüchen. Darüber hinaus wird befürchtet, dass wegen der Wirtschaftskrise 2009 wieder mehr Kinder arbeiten müssen. Zudem zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Kontinenten. So ist in Subsahara-Afrika die Zahl der arbeitenden Kinder zwischen 2004 und 2008 von 49 auf 58 Millionen gestiegen, in Asien dagegen sank sie von 122 auf 96 Millionen.

Das sind jedoch nur relativ grobe Angaben. In Indien beispielsweise arbeiten laut der jüngsten landesweiten Volkszählung rund 8,6 Millionen Kinder (2004/05). Die Kinderrechtsorganisation UNICEF geht jedoch davon aus, dass trotz stark gesunkener Zahlen weiterhin rund 29 Millionen Heranwachsende arbeiten. Ein weiterer Hinweis auf wesentlich höhere Zahlen, als sie die indische Regierung veröffentlicht hat, ist eine andere Angabe: Rund 45 Millionen Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren gehen trotz Schulpflicht nicht in die Schule.


Wo Kinder arbeiten

Nach Angaben der ILO erhält von den arbeitenden Kindern nur eines von fünfen (21,4 Prozent) Lohn. Sehr viele (67,5 Prozent) verrichten Tätigkeiten in der eigenen Familie, einige sind selbstständig (fünf Prozent), bei anderen (sechs Prozent) ist der Status nicht bekannt. Auch innerhalb der Branchen, die Kinder beschäftigen, gibt es eine klare Rangfolge: Mit weitem Abstand steht an erster Stelle die Landwirtschaft (60 Prozent), gefolgt vom Dienstleis­tungsbereich (25,6 Prozent) und der Industrie (sieben Prozent).


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