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Bildung für Alle? Auf diese beiden Stunden hat Bandana Dalai sich den ganzen Tag gefreut. Kerzengerade sitzt sie auf dem Boden, die großen Augen weit aufgerissen. Die13jährige hat sich einen ausrangierten Reissack untergelegt. Eine rote Strickjacke schützt sie gegen die Kälte. Es ist Winter in Westbengalen. Trotz sommerlicher Temperaturen am Tag, kühlt es abends merklich ab. Vorne schreibt Kursleiterin Punam Hembran eine lange Reihe Zahlen an die Tafel. Zwanzig Augenpaare verfolgen gebannt, wie ihre Hand die quietschende Kreide führt.
Nur eine einzige Glühbirne beleuchtet das Open-Air-Klassenzimmer unter dem Vordach des kleinen Wohnhauses, in dem die 18jährige Kursleiterin mit ihren Eltern lebt. Von den umstehenden Lehmhütten des Dorfes Sukna sind im fahlen Mondlicht lediglich die Umrisse zu erkennen.
Trotz der schlichten Umstände besuchen Bandana Dalai und ihre Mitschüler jeden Abend den Kurs für Schulabbrecher. „Ich möchte unbedingt wieder zur Schule gehen.“ Bandana Dalai streicht sich mit dem Zeigefinger über die dunkle Haut ihres Nasenflügels. Bislang konnte sie nur die Grundschule besuchen. Nach der vierten Klasse erlaubte ihr Vater nicht den Besuch der weiterführenden Schule. Das hätte umgerechnet zehn Euro Büchergeld pro Jahr gekostet, zuzüglich der Kosten für Schuluniform und -gebühr. Dafür muss der Tagelöhner viele Tage lang hart arbeiten. Er steht von früh morgens bis zur Dämmerung im Steinbruch in einer Staubwolke und zertrümmert Felsbrocken mit einem großen Vorschlaghammer. Der Lohn dafür: rund ein Euro pro Tag. Auch die Mutter riskiert im Steinbruch ihre Gesundheit für das bescheidene Auskommen der fünfköpfigen Familie. Bandana Dalai muss deshalb den ganzen Tag auf ihre beiden kleinen Geschwister aufpassen. Sie erledigt die Hausarbeit und kocht die Mahlzeiten. Erst abends kann sie endlich tun, was sie möchte: Lesen, Schreiben und Rechnen.
Der indische Wirtschaftsboom ist bei den Menschen in den Dörfern Westbengalens nicht angekommen. Und wenn dann nur seine Schattenseiten: Für den Abbau von Erzen und Kohle sowie die Ansiedlung verarbeitender Großindustrie werden viele Ureinwohner und Angehörige der niedrigsten Kasten von ihrem Land verdrängt.
Von den fünfhundert Einwohnern Suknas besitzt nicht einmal ein Drittel Land. Zweidrittel halten sich als Tagelöhner über Wasser. Aber selbst wer ein Stück Land sein Eigen nennt, kann nicht davon leben. Die fast ausschließlich mit Reis bebauten Äcker haben kaum die Größe eines Fußballfeldes. Wenn alles gut geht, ernährt der Ertrag dieser Felder eine Familie vier bis fünf Monate des Jahres. Für den Rest der Zeit verdingen sich auch die Kleinbauern als Helfer auf den Feldern von Großgrundbesitzern, im Straßenbau oder in den Bergwerken und Steinbrüchen der Region. Die Kinder der Familien müssen früh ihren Anteil am Lebensunterhalt leisten. Der Besuch einer Schule bleibt für sie häufig ein unerfüllter Traum.
Das soll sich nach dem Willen der indischen Regierung nun ändern. Das indische Parlament hat im Herbst letzten Jahres ein Gesetz verabschiedet, das allen Kindern im Alter von 6 bis 14 Jahren ein Recht auf Schulbildung einräumt. In Indien besuchen bislang nach Angaben der Weltbank rund 5 Millionen Kinder unter 14 Jahren keine Schule. Beinahe vier von zehn Erwachsenen können weder lesen noch schreiben. "Wir können es uns als Nation nicht leisten, unsere Kinder nicht zur Schule zu schicken", wurde Bildungsminister Kapil Sibal in der indischen Presse zitiert.
Innerhalb der nächsten drei Jahre will man im gesamten Land staatliche Nachbarschaftsschulen einrichten. Privatschulen, die sich bislang nur die vermögenden Mittel- und Oberschicht des Landes leisten können, müssen fort an ein Viertel ihrer Schulplätze Kindern aus sozial benachteiligten Familien zur Verfügung stellen. In drei Jahren soll das Gesetz vollständig umgesetzt sein.
Ob dann tatsächlich alle Kinder eine Schule besuchen werden, ist aber mehr als fraglich. Denn das größte Hindernis für eine verbesserte Schulbildung kann das Gesetz nicht aus dem Weg räumen: die bittere Armut weiter Kreise der Bevölkerung, vor allem auf dem Land. Schätzungsweise ein Fünftel aller Inder kämpft täglich um das nackte Überleben.
„Die Kinder sind hoch motiviert, doch werden sie in den meisten Familien als Arbeitskraft gebraucht“, sagt Manisankar Mahato vom Lutheran World Service India (LWSI). „Von den Kosten für Bücher, Gebühren und Schuluniform einmal abgesehen.“ Sehr viele Kinder brechen die Schule deshalb frühzeitig ab. Seit zwei Jahren kümmert sich die christliche Organisation um die Schulabbrecher in Sukna und in anderen Dörfern in Westbengalen sowie im benachbarten Bundesstaat Orissa.
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Unterstützt wird sie dabei unter anderem von Brot für die Welt aus Deutschland. Durch die Kurse zur Wiedereingliederung und die Beratung der Familien konnte die Zahl der Abbrecher in Sukna zum Beispiel um ein Drittel reduziert werden. Das konnte nur gelingen, weil die Organisation den Familien auch bei der Verbesserung ihrer ökonomischen Situation hilft, etwa durch Kurse im Gemüseanbau oder die Gründung genossenschaftlich organisierter Reisbanken.
„Wir freuen uns über die steigenden Schülerzahlen.“ Gouri Shanker Banerjee verschränkt die Arme und lächelt durch seine Hornbrille. Hinter dem Leiter der Grundschule tobt eine lärmende Schar Kinder aus dem schlichten Steingebäude in die Pause. Staub wirbelt auf. „Vor sieben Jahren kamen keine fünfzig Schüler, heute sind es über zweihundert“, so der Schulleiter weiter. Das ist auch einer Reihe von Maßnahmen und Gesetzen der indischen Zentralregierung zu verdanken, wie etwa dem landesweiten Programm ‚Bildung für alle’ von 2004. Ausbildung und Gehalt der Grundschullehrer wurden verbessert, neue Lehrkräfte eingestellt und Unterrichtsgebäude errichtet. „Früher kamen die schlecht bezahlten Lehrer einfach nicht und ich war alleine mit den Schülern“, erinnert sich Gouri Shanker Banerjee. „Heute unterrichten wir hier zu viert, und die Kollegen haben eine zweijährige Lehrerausbildung absolviert.“
Doch nach wie vor kommt von den Verbesserungen vor allem bei den Ureinwohnern und den Angehörigen niedriger Kasten viel zu Wenig an. Besonders benachteiligt sind Mädchen und Frauen. Nur 60 Prozent der Frauen in Westbengalen können lesen und schreiben, in Orissa sind es gerade einmal 30 Prozent. Zudem sind die regionalen Unterschiede sehr groß. Im Armenhaus Bihar besucht nicht einmal ein Fünftel der Mädchen den Unterricht der Klassen 6 bis 8, im südlichen Bundesstaat Kerala sind es über 90 Prozent.
Nichtregierungsorganisationen wie der LWSI versuchen, die von der indischen Zentralregierung veranlassten Verbesserungen zu ergänzen. „Wir sorgen dafür, dass die Kinder wirklich zur Schule gehen und dort klar kommen“, sagt Projektmanager Manisankar Mahato.
Neben dem Kurs für Abbrecher bietet die Organisation Hausarbeitenhilfe für Kinder an, die weiterführende Schulen besuchen. Die Schüler aus Sukna und vier weiteren Dörfern hocken auf einem ausgetrockneten Feld im Schatten eines Mangobaums. Study Center steht auf einem gelben Schild am Baumstamm. Daneben lehnen drei Fahrräder. Die meisten Schüler aber kommen zu Fuß, zum Teil über mehrere Kilometer. „Den Bus können sie sich nicht leisten.“ Sarojakha Mondol streicht sich über den Schnauzbart und schaut in Richtung Landstraße. Ein vollbesetzter Überlandbus donnert über den löchrigen Asphalt. Durch die offenen Fenster ist ein Knäuel aus Armen und Beinen zu erkennen. Einige Passagiere hocken sogar auf dem Dach. „Die meisten der Eltern sind nie zur Schule gegangen, sie können bei den Hausarbeiten nicht helfen“, erklärt der Nachhilfelehrer weiter und zeigt auf die Kinder. „Sie gehören zur ersten Generation, in der sich das ändert.“
Wer lesen und schreiben kann, versteht die Gebrauchsanweisung für Saatgut und Dünger, unterschreibt keine betrügerischen Verträge von Geldverleihern oder kann ein Konto eröffnen. Vor allem aber kann er sich über seine Rechte informieren - und sie einfordern.
„Gemeinsam mit den anderen Frauen in Sukna habe ich bei der Regierung Zuschüsse und Mikrokredite beantragt, damit konnten wir einige Ziegen und Rinder kaufen und unsere Häuser ausbessern.“ Sandhya Orang muss sich für jedes Bündel Reis tief bücken. Mit einem Sirren fährt die Sichel durch die Halme. Grashüpfer springen weg. „Wir mussten uns organisieren, Anträge ausfüllen und Abrechnungen nachweisen.“ Sandhya Orang richtet sich auf und tupft mit dem bunten Tuch ihres Saries den Schweiß von der Stirn. „Wie hätten wir das als Analphabetinnen schaffen sollen?“
Seit etwa einem Jahr treffen sich die Frauen regelmäßig abends nach der Arbeit. Unter Anleitung lernen sie lesen und schreiben, trainieren Kosten zu kalkulieren oder das Budget ihrer Vereinigung zu verwalten. Die Gruppe ist Ausgangspunkt für eine Vielzahl Aktivitäten. Zum Beispiel organisieren die Frauen die Schulspeisung. Seit fünf Jahren steht jedem Grundschüler in Indien per Gesetz eine kostenlose Mahlzeit pro Tag zu. Die Schulen sind häufig mit der Organisation dieser Mahlzeit überfordert, die Qualität des Essens lässt zu Wünschen übrig. Nicht selten versickern die Gelder dafür in dunklen Kanälen. Die Frauen von Sukna haben erreicht, dass das Budget an sie ausgezahlt wird. Nun kochen sie selbst für die Grundschüler. Sandhya Orang rafft einige Bündel Reishalme zusammen und hebt den Stoß auf den Kopf. Wiegenden Schrittes geht sie über die Dämme zwischen den Reisfeldern zum Dorf zurück. Die untergehende Sonne weckt noch einmal die Farben auf.
„Eigentlich bin ich nach so einem Tag Erntearbeit viel zu müde zum Lernen, ich gehe aber trotzdem hin.“ Auch Sandhya Orang wurde - wie Bandana Dalai – in der vierten Klasse aus der Schule genommen. „Meine Eltern fanden das schon viel, sie hatten gar keine Schule besucht.“ Das Erlernte war rasch vergessen. Nun hat sie es wieder aktiviert und freut sich, dass sie ihrer Tochter bei den Schularbeiten helfen kann. Als es dunkel ist, treffen sich die Frauen vor dem Haus einer Nachbarin. Auch sie hocken unter dem Licht einer einzigen Glühbirne.
Am anderen Ende des Dorfes sitzt Bandana Dalai auf ihrem ausrangierten Reissack in der Gruppe für Schulabbrecher und schreibt die Zahlenkolonnen von der Tafel ab. Wenn das Mädchen so weitermacht, wird auch sie eines Tages ihren Kindern bei den Schularbeiten helfen können. Und vielleicht sogar noch viel mehr.
E&W Schwerpunkt 07-08/2010:
/ Kinderarbeit