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26.06.2010

Bologna an der Oder: Deutsch-Polnisches Hochschulseminar

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Was ist aus dem Europäischen Hochschulraum geworden, elf Jahre nach Einführung des Bologna-Prozesses? Diese und andere Fragen der Hochschul- und Forschungspolitik in Polen und Deutschland beschäftigten die 30 TeilnehmerInnen des gemeinsam von der GEW und der KSN-Solidarność durchgeführten Seminars vom 20. bis 22. Juni 2010 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Deutsch-Polnisches Hochschulseminar, Frankfurt (Oder), 20.-22. Juni 2010

Die bilateralen Gewerkschaftsseminare von GEW und KSN haben eine fast zwanzigjährige Tradition. In diesem Zeitraum haben sie sich ständig inhaltlich und qualititativ weiterentwickelt: Während früher das Kennenlernen der jeweils anderen, eher fremden Hochschulwelt im Vordergrund stand, geht es heute um einen fundierten Dialog, der unterschiedlichen und gemeinsamen Entwicklungen auf den Grund geht und nach gemeinsamen gewerkschaftlichen Positionen und europäischen Strategien sucht. Längst hat sich aber auch gezeigt, dass die Neugier aus dem Nachbarland ein hilfreicher Spiegel sein kann, eigene Wahrheiten und Positionen zu hinterfragen oder zu schärfen. So profitieren von den Seminaren beide Gewerkschaften. Hinzu kam dieses Mal eine weitere positive Erfahrung: die Weiterentwicklung der polnisch-polnischen Zusammenarbeit im Hochschulsektor. Gemeint ist die problemlose Kooperation der KSN mit der ZNP, der anderen großen Bildungsgewerkschaft in Polen, auch auf diesem Seminar.

Damit der Dialog gleichberechtigt und effektiv verlaufen konnte, wurden die inhaltlichen Schwerpunkte des Seminars mit je einem Beitrag von der polnischen und der deutschen Seite eingeleitet. Zum Thema Forschungs- und Bildungsfinanzierung einschließlich der Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise referierten Ryszard Walentynski und Gunter Quaißer. Die mangelhafte Finanzierung des Hochschulwesens zeigt sich in Polen u. a. darin, dass man die notwendigen zusätzlichen Studienplätze in gebührenpflichtigen Abend- und Fernstudiengängen anbietet und die öffentlichen Hochschulen, mit Ausnahme weniger „Elite“-Universitäten, finanziell austrocknet. Demgegenüber wird in Deutschland der finanzielle Nachholbedarf politisch zwar anerkannt, aber trotz vollmundiger Versprechungen nicht wirklich angegangen – wie drei erfolglose Bildungsgipfel seit 2008 gezeigt haben – denn die nominellen Ausgabensteigerungen führten (u. a. wegen der Inflation) zu keinen realen Verbesserungen. Auf welche Weise und mit welchen Forderungen sollen sich die Gewerkschaften um die Einnahmeseite der Staatshaushalte kümmern und sich steuerpolitisch engagieren? Hier gab es eine durchaus kontroverse Debatte. Dass die GEW vor Kurzem ein eigenes steuerpolitisches Konzept vorgelegt hat, nahmen die polnischen KollegInnen eher erstaunt zur Kenntnis.

Viele Gemeinsamkeiten gab es in der Darstellung und Bewertung des Bologna-Prozesses: die Zielsetzungen des Europäischen Hochschulraums werden grundsätzlich durchaus positiv gesehen, z. B. mit Blick auf die Mobilität oder die Förderung des Lebenslangen Lernens. Allerdings zeigen sich in der Umsetzung viele Probleme. In Deutschland, so erläuterte Klemens Himpele, ist die Arbeitsbelastung von Studierenden und Lehrenden durch die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen extrem angestiegen, was u. a. dazu führt, dass der Anteil der Studierenden, die eine Zeitlang ins Ausland gehen, nicht wie gewünscht zu-, sondern deutlich abnimmt. Eine Entwicklung, die auch in Polen zu sehen ist, wie Ryszard Mosakowski und Maria Kotelko berichteten, wobei in Polen eine höhere Mobilität immerhin innerhalb der Hochschulen und im Lande selbst ermöglicht wird. Manches steht in Polen nur dem Papier, wie die Forderung nach Lebenslangem Lernen. Auch die Einführung des europäischen Kreditpunktesystems ECTS ist bislang nur an einer einzigen Hochschule realisiert. Die Hauptkritik beider Gewerkschaften indes bezieht sich auf die Implementierung der Studiengänge selbst. Man kann eine so grundlegende Reform nicht ohne zusätzliches Personal und Geld in kürzester Zeit umsetzen, vor allem nicht, wenn man wie in Polen die alten Inhalte eines fünfjährigen Studiums in drei Jahren durchpauken will und die Übergänge zum Masterstudium weder innerhalb des Faches noch fächerübergreifend integrativ und attraktiv gestaltet. Hier ist ein Kurswechsel erforderlich.

Links: Anna Wolf, Friedrich-Ebert-Stiftung
Mitte: Bogumił Linde und Gunter Quaißer
Rechts: Ryszard Mosakowski, im KSN-Vorstand für Internationales zuständig

Auch die im Zuge des Bologna-Prozesses eingeführten Instrumente zur Verbesserung der Qualität wurden gleichermaßen kritisch beurteilt. Unter dem Themenschwerpunkt „Qualitätssicherung und Akkreditierung“ führte Margret Bülow-Schramm aus, dass es bei den bisher in Deutschland entwickelten Systemen der Qualitätssicherung einen viel zu hohen Verwaltungsaufwand, immanente Widersprüchlichkeiten und ein Ungleichgewicht zwischen der Bewertung von Forschung und Lehre gibt. Außerdem sei die Evaluation zwar ein sinnvolles Instrument, nicht aber, wenn sie, wie z. B. im Akkreditierungsprozess, folgenlos bleibt. Auch aus polnischer Sicht, so berichtete Bogumil Linde, ist der Akkreditierungsprozess völlig überbürokratisiert, so dass man den Eindruck bekommt, als sei die Vorschriftentreue wichtiger als eine gute Lehre, was beispielsweise dazu führen kann, dass ein fehlendes ärztliches Gutachten den Ausschlag bei der Akkreditierung gibt. Insgesamt ist eine breitere Diskussion über die Qualität von Lehre und Studium sowie über eine sinnvolle Qualitätssicherung an den Hochschulen angesagt, an der auch die Gewerkschaften als Vertretungen der Lehrenden und Forschenden sowie der beruflichen Praxis außerhalb der Hochschulen beteiligt werden müssen – darin waren sich die Seminarpartner einig.

Die Rolle der Gewerkschaften in der Hochschul- und Tarifpolitik ist in beiden Ländern traditionell unterschiedlich, jeweils mit Stärken und Schwächen. Janusz Sobieszczanski bedauerte, dass es den Gewerkschaften in Polen bislang noch nicht gelungen sei, die Mitgliedschaft im Kontext des sozialen Dialoges zu mobilisieren. So ist die KSN jetzt mit einem neuen Hochschulgesetz konfrontiert, das eine Beschränkung der akademischen Selbstverwaltung, die Aufweichung der Beschäftigungsbedingungen und eine Verschlechterung der Personalrelation mit sich brachte. Anderseits spielt die KSN in Kooperation mit den anderen Gewerkschaften in den „tripartiten“ Gremien, in denen Staat, Arbeitgeber und Gewerkschaften vertreten sind, als Verhandlungspartner eine wichtige Rolle. In Deutschland sieht die Lage, wie Thomas Hoffmann ausführte, wegen des Föderalismus und des restriktiven Streikrechtes insbesondere für BeamtInnen anders aus. Hinzu kommt ein unterdurchschnittlicher Organisationsgrad an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, weil sich WissenschaftlerInnen traditionell nicht in erster Linie als ArbeitnehmerInnen verstehen und häufig ein distanziertes Verhältnis zu den Gewerkschaften haben. Die Stärke der GEW liegt eher in den inhaltlichen Positionen und der professionellen Kompetenz ihrer Mitglieder und FunktionärInnen. Von großer Bedeutung ist für beide Gewerkschaften die Gewinnung von jungen Mitgliedern bzw. von Beschäftigten mit Fristverträgen.

Der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses und den Karrierewegen in Hochschule und Forschung galt deshalb ein eigener Schwerpunkt. Woiciech Pillich verwies auf den Mangel an HochschulabsolventInnen und Nachwuchswissenschaftlern in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen, das vor allem in den schlechten finanziellen Startbedingungen begründet liegt, z. B. auch in der Tatsache, dass man mit einem befristeten Arbeitsvertrag nirgendwo einen Kredit bekommen kann. Auch unklare Steuervorschriften schrecken potenzielle DoktorandInnen ab – sie gehen lieber in die Industrie. Nicht viel anders, so stellte Anne Krüger dar, sieht die Lage für junge WissenschaftlerInnen in Deutschland aus: finanzielle Unsicherheit, Lehre zu Dumpingpreisen bei hoher Arbeitsbelastung und mangelhafter Gleichstellung von Frauen und Männern (der Frauenanteil bei Professorenstellen beträgt nur 17 Prozent). Es gibt kaum Perspektiven, außerhalb der Professur auf Dauer Wissenschaft als Beruf zu betreiben. Viele NachwuchswissenschaftlerInnen, die am Ende nicht auf eine Professur berufen werden, befinden sich daher in einer beruflichen Sackgasse. Familie und Beruf zu vereinbaren, ist in der Wissenschaft besonders schwer. Einig waren sich die SeminarteilnehmerInnen deshalb, dass Wissenschaft endlich als Beruf und nicht nur als Berufung verstanden werden dürfe und daher eine Reform der Karrierewege und Personalstruktur überfällig sei.

Links: Thomas Hoffmann
Mitte: Ryszard Walentynski (KSN) und Andreas Keller (GEW)
Rechts: Danke

Im Schlusswort hob GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller, der das Seminar zusammen mit seinem Kollegen Ryszard Mosakowski vom KSN-Vorstand leitete, die Bedeutung der internationalen Verständigung der Gewerkschaften als gestaltende Kraft hervor. Gerade die Diskussion um den Bologna-Prozess, dessen Ziele durchaus zu unterstützen, aber bei weitem noch nicht erreicht seien, habe dies auf dem Seminar höchst anschaulich gemacht. Die nationalen Gewerkschaften müssten deshalb ihre europäischen und globalen Strukturen und Foren nicht nur für weitere Diskussionen, sondern auch für die konkrete Einflussnahme politischer Prozesse, z. B. in der „Bologna Follow-Up Group“ (BFUG) nutzen. Dass die Bildungsgewerkschaften als politischer Partner in diesem Prozess längst ernst genommen werden, wurde durch die Anwesenheit und das Statement des Staatssekretärs im brandenburgischen Wissenschaftsministerium, Martin Gorholt, dokumentiert, ebenso wie durch das Interesse der gastgebenden Viadrina-Universität, die von ihrer Vizepräsidentin Janine Nuyken repräsentiert wurde.

Fazit: für die TeilnehmerInnen war das Seminar eine interessante Bereicherung und eine Gelegenheit, neue Kontakte und Begegnungen über die Oder hinweg zu verabreden, für die Gewerkschaften ein weiterer Schritt zur Vertiefung der deutsch-polnischen Kooperation und zur Koordinierung einer gemeinsamen europäischen Hochschul- und Forschungspolitik. Es lohnt sich, diesen Weg bilateraler Seminare weiterzugehen. Dass er trotz der sprachlichen Barrieren gangbar ist, ist nicht zuletzt den beiden kooperierenden Stiftungen zu verdanken, der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), für die Anna Wolf ein Grußwort sprach, sowie der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ).

Text und Fotos: Magda Wankiewicz-Heise


Die Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) war Veranstaltungsort des deutsch-polnischen Hochschulseminars



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