03.09.2010

Den Bundesländern gehen die Lehrkräfte aus ... weil sie zu wenige ausbilden und einstellen!

In der Bildungspolitik herrscht seit Jahrzehnten eine Haltung vor, den voraussehbaren Bedarf an Lehrkräften konsequent zu ignorieren. Bereits in den 1960er-Jahren wurde so lange mit untauglichen provisorischen Lösungen herum experimentiert, bis das System zusammenzubrechen drohte. Auch heute wissen wir, dass in den nächsten Jahren viele neue qualifizierte Lehrkräfte gebraucht werden. Seit zehn Jahren liegen die Neueinstellungen in den öffentlichen Schuldienst jedes Jahr über der Zahl der Neuabsolventen des Vorbereitungsdienstes. Um künftig den Lehrkräftebedarf decken zu können, müssen mehr Referendariatsplätze geschaffen werden.

Seit Jahren jagen sich die Bundesländer gegenseitig fertig ausgebildete Lehrkräfte aller Fächer und Schulformen ab. Mit teuren Werbekampagnen wie „Hauptrolle zu vergeben“ (Hessen) oder „Schönen guten Morgen, Frau Lehrerin“ (Baden-Württemberg) versuchen sie, den selbst verschuldeten Mangel auf Kosten anderer zu decken. In allen großen überregionalen Zeitungen sucht Nordrhein-Westfalen zum Schuljahr 2010/11 sowohl ausgebildete Lehrkräfte als auch Seiteneinsteiger in Mathematik, Informatik, Physik, Chemie, Technik, Englisch, Französisch, Spanisch, Latein, Kunst, Musik, Religion für Gymnasien, Gesamtschulen und Realschulen sowie nahezu allen Fächern für berufsbildende Schulen. Noch vor Kurzem hatte die CDU/FDP-Landesregierung wider besseres Wissen behauptet, es gebe keinen strukturellen Lehrermangel – sogar Überhang am Gymnasium. Während in einigen alten Bundesländern – noch – genügend Bewerberinnen und Bewerber für den Grundschulbereich zur Verfügung stehen, herrscht in den neuen Bundesländern wegen zunehmender Schülerzahlen im Grundschulbereich in den Ballungsgebieten bereits Mangel.

Keine Konsequenzen

Lehren ziehen die Bildungsministerien der Länder aus der sich verschärfenden Mangelsituation allerdings noch immer nicht. So wiederholt sich alljährlich das Ritual: Im Sommer werden zu wenig neue Lehrkräfte eingestellt; im Herbst wird dann den empörten Eltern mitgeteilt, man könne den Unterrichtsausfall nicht beheben, weil es keine Bewerber mehr gebe. Die seien alle abgewandert. Statt die hoch qualifizierten jungen Bewerber zu halten, indem man ihnen angemessene Berufsperspektiven bietet, werden diese in einigen Bundesländern schuljahrsweise befristet beschäftigt und vor den Sommerferien entlassen. So „sparen“ sich diese Länder immer noch die Bezahlung der Lehrkräfte in den Sommerferien. Die Betroffenen müssen Arbeitslosengeld beantragen – so „spart“ das Bildungssystem jährlich mehrere Millionen Euro zu Lasten der Arbeitslosenversicherung.

Weiterhin Bedarf

Der jährliche Einstellungsbedarf für alle Bundesländer liegt nach den Berechnungen des Bildungsforschers Klaus Klemm bei zirka 33 000 bis 39 000 Lehrkräften, wenn man berücksichtigt, dass etwa 20 Prozent der neuen Beschäftigten auf eigenen Wunsch in Teilzeit beschäftigt sein werden. Diese Berechnung geht davon aus, dass die Zahl der Stellen konstant bleibt, obwohl die Schülerzahlen in den kommenden Jahren rückläufig sein werden. Diese so genannte „Demografierendite“ soll genutzt werden, die Unterrichtssituation zu verbessern. Das haben die meisten Landesregierungen zumindest vor den Wahlen versprochen, weil sie wissen, dass das Thema Bildung wahlentscheidend ist. Wer jedoch glaubt, nach Wah­len würden Eltern vergessen, warum sie bestimmte Parteien gewählt haben, irrt. Die Erwartung, dass z. B. die Klassen verkleinert werden, dem Unterrichtsausfall mit effektiven Mitteln begegnet wird, bleibt. Sie ist nur mit zusätzlichem und qualifiziertem Personal einzulösen. In den letzten drei Jahren wurden zwar mehr Lehrkräfte in den Vorbereitungsdienst eingestellt. Die Anwerbekampag­nen 2010 zeigen jedoch, dass das noch nicht ausreicht, den Lehrkräftemangel zu beseitigen. Weitere Maßnahmen dürfen nicht länger hinausgezögert werden.

Höhere Einstiegsgehälter

Die Kampagnen zur gezielten Abwerbung von Lehrkräften über die Ländergrenzen hinweg funktionieren immer nach dem gleichen Prinzip. Es werden höhere Einstiegsgehälter gezahlt. Der für angestellte Lehrkräfte geltende Tarifvertrag der Länder (TV-L) sieht vor, dass Berufsanfänger in der Stufe 1 der jeweiligen Entgeltgruppe (EG) eingestellt werden und bereits nach sechs Monaten unter Anrechnung ihrer Berufserfahrung im Vorbereitungsdienst – statt nach einem Jahr – in Stufe 2 aufsteigen. Trotzdem liegen sie mit diesem Verdienst aber noch um rund 500 Euro brutto unterhalb eines Neueingestellten, der sofort verbeamtet wird. Deshalb stellen Länder, die gerade wegen des Mangels an ausgebildeten Lehrkräften so genannte Seiteneinsteiger nehmen, durch die Bank in höheren Stufen ein. In Berlin, einem Land in dem nicht verbeamtet wird, wird sogar die Endstufe (Stufe 5) als Einstiegsgehalt gezahlt. Damit soll verhindert werden, dass die im eigenen Land teuer ausgebildeten Lehrkräfte in andere Bundesländer abwandern.

In Fächern wie Informatik, Mathematik, Chemie, Physik sowie vielen berufsbildenden Fächern gehen qualifizierte Bewerber wegen der schlechten Arbeitsbedingungen und der schlechten Bezahlung scharenweise in die Wirtschaft, wo sie deutlich mehr verdienen als im öffentlichen Dienst. Noch immer versuchen die verantwortlichen Bildungspolitiker, diese Abwanderung auf das „schlechte Image“ der Lehrkräfte zu schieben. Das hat sich allerdings schon seit einigen Jahren geändert. Ob Allensbach oder infas: Die Lehrkräfte stehen längst wieder weit oben auf der Beliebtheits- bzw. Vertrauensskala.*

Jetzt gegensteuern

Die Länder wissen, dass sie mit ihrer falschen Einstellungspraxis den kommenden Bedarf nicht abdecken können. Die Statistiken sind bekannt. Der Anteil der Lehrkräfte im Westen, die jünger als 35 Jahre sind, liegt bei rund 16 Prozent, im Osten bei unter fünf Prozent. Der Anteil der Lehrkräfte über 50 Jahre aber bei zirka 50 Prozent. Obwohl das Alter, in dem Lehrkräfte im Durchschnitt in den Ruhestand gehen, inzwischen bei knapp unter 63 Jahren – und damit oberhalb des Durchschnitts im übrigen öffentlichen Dienst – liegt, wird sich die Lehrerversorgung weiter dramatisch verschlechtern.

Um das zu verhindern, müssen die Länder jetzt energisch gegensteuern: Nötig ist, die Zahl der Ausbildungsplätze im Vorbereitungsdienst auf mindestens 35 000 zu erhöhen. Das führt aber nur zu einer Verbesserung der Situation, wenn den künftigen Absolventen der Weg in den öffentlichen Dienst zu angemessenen Bedingungen ermöglicht wird. Dazu bedarf es einer besseren und endlich tariflich vereinbarten Bezahlung angestellter Lehrkräfte – nicht nur für Bewerberinnen und Bewerber, die einem Abwerbeangebot folgen, sondern als gleicher und gerechter Lohn in allen Bundesländern. Um den Lehrerberuf auch in Zukunft attraktiv zu machen, müssen die Unterrichtsdeputate und die Klassenfrequenzen gesenkt werden. Das ist, dank der rückläufigen Schülerzahlen, ohne zusätzlichen Personalbedarf zu machen. Aber nur wenn die Politik sich an ihr Versprechen hält, die „Demografierendite“ zur Qualitätsverbesserung im System zu belassen und nicht für Einsparungen zu nutzen.

Dass dies insgesamt nicht kostenneutral gestaltet werden kann, liegt auf der Hand. Der Preis, den die Gesellschaft zahlen muss, wenn die notwendigen Investitionen ins Bildungssystem unterbleiben, liegt aber weit höher.

Ilse Schaad,
Leiterin des GEW-Arbeits­bereichs Angestellten- und Beamtenpolitik

*In der Allensbacher Berufsprestige-Skala 2008 rangiert der Beruf „Grundschullehrer“ zum Beispiel an vierter Stelle – gleich hinter Ärzten, Pfarrern und Hochschulprofessoren.

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