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04.12.2011

Fair Childhood – Bildung statt Kinderarbeit

Interview mit Venkat Reddy, Vertreter der indischen Hilfsorganisation M.V.-Foundation

E&W: Herr Reddy, wie viele Kinderarbeiter gibt es in Indien?
Venkat Reddy: Das hängt von der Definition ab. Die indische Regierung sieht „gefährliche Kinderarbeit“, etwa nur in Steinbrüchen. Was gefährlich ist, legt die Regierung fest, die Kinder werden nicht gefragt. Arbeit in der Landwirtschaft etwa fällt nicht unter diese Definition. Die offiziellen Schätzungen gehen von zehn bis 15 Millionen Kinderarbeitern in Indien aus.

E&W: Wie definieren Sie Kinderarbeit?
Reddy: Für unsere M.V.-Foundation ist ein Kind, das – aus welchen Gründen auch immer – nicht zur Schule geht, ein Kinderarbeiter. Und das sind in Indien mindestens 50 Millionen Mädchen und Jungen.

E&W: Warum sind selbst die offiziellen Zahlen noch so gewaltig?
Reddy: Weil die Umsetzung des Gesetzes gegen Kinderarbeit nicht gelingt. Das Arbeitsministerium ist als Behörde zu schwach, um das Problem zu lösen. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Tradition und Armut, die als Argumente immer wieder angeführt werden, um Kinderarbeit zu rechtfertigen.

E&W: Sind Familien auf die Mitarbeit der Kinder angewiesen?
Reddy: Unsere Studien zeigen, dass es eine große Nachfrage nach Kinderarbeit gibt. Mädchen und Jungen arbeiten zum Beispiel 28 Tage im Monat, die Mutter 20, der Vater aber nur elf. Das heißt: Die am besten Bezahlten arbeiten am wenigsten, die am schlechtesten Entlohnten schuften am meisten. Die Märkte sind ganz scharf auf diese billigen Kinderarbeiter.

E&W: Welche Auswirkung hat es, wenn die M.V.-Foundation die Mädchen und Jungen in die Brückenschulen bringt und dem Markt damit Kinderarbeiter entzieht?
Reddy: Wenn ein paar Kinder mehr in die Schule gehen: gar keine. Wenn alle in die Schule gehen, gibt es einen Mangel an Arbeitskräften und eine steigende Nachfrage nach Arbeit, für die Erwachsenen-Lohn bezahlt wird. Um es ganz klar zu sagen: Armut ist nicht die Ursache von Kinderarbeit, es ist umgekehrt: Kinderarbeit verursacht Armut!

E&W: Wie geht Ihre Stiftung vor?
Reddy: Unser Ziel ist, kinderarbeitsfreie Zonen zu schaffen. In diesen Prozess beziehen wir möglichst viele Menschen in den Dorfgemeinschaften ein – Eltern, lokale Arbeitgeber, die Dorfverwaltung, freiwillige junge Helfer, die im Unterschied zu ihren Eltern eine Schule besucht haben. Das ist eine große Herausforderung. Denn es gilt, die soziale Norm zu ändern, dass Kinderarbeit nicht verwerflich ist.

E&W: Erreichen Sie damit alle Kinder eines Dorfes?
Reddy: Wir beziehen alle ein. Wir stellen zunächst fest, wie viele Kinder in einem Dorf leben, schauen dann bei jedem Kind, ob es zur Schule geht oder arbeitet. Unser Slogan lautet nicht „Bringt die Kinder in die Schule“, sondern „Stoppt die Ausbeutung der Kinder“. Es ist entscheidend, den Bewusstseinswandel hinzukriegen, dass Eltern statt des kurzfristigen Nutzens der Kinderarbeit den langfristigen einer schulischen Ausbildung sehen.

E&W: Wie agieren Sie den Arbeitgebern gegenüber?
Reddy: Wir stellen Ihnen eine einfache Frage: Wenn Du Deine eigenen Kinder zur Schule schickst, warum lässt Du dann andere Kinder auf Deinen Feldern arbeiten? Ist das ethisch zu verantworten?

E&W: Die M.V.-Foundation ist seit 20 Jahren aktiv. Was hat sich im öffentlichen Bewusstsein seither verändert?
Reddy: Es hat sich schon viel bewegt. Auch bei Mittelklasse-Familien, die sich noch vor zehn Jahren Kinder vom Land als Haushaltshilfen geholt haben. Früher war das ein Statussymbol, das ist es jetzt nicht mehr. Aber es bleibt noch viel zu tun.

E&W: Was erwarten Sie von den europäischen Konsumenten?
Reddy: Sie können sich einmischen, die richtigen Fragen stellen und auf ihre Regierungen Druck ausüben, im Dialog mit der indischen Regierung über Kinderarbeit zu sprechen. Sie sollten von ihren Regierungen fordern, dass sie Bildungsprogramme in Indien unterstützen und auch Rechenschaft über die Wirkung der eingesetzten Gelder verlangen.

E&W: Und beim Einkauf?
Reddy: Es hilft, sich beim Einkauf an bestimmten Labeln wie „Good weave“ zu orientieren. Das ist ein starkes Signal an die Produzenten, dass die Verbraucher die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards in der gesamten Lieferkette erwarten.

E&W: Was halten Sie vom Ansatz der GEW-Stiftung „Fair Childhood“, das Thema in die Schulen zu tragen?
Reddy: Es gefällt mir, Schüler und Lehrkräfte damit zu konfrontieren. Es ist gut, dass es nicht nur um Charity geht, sondern auch darum, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. Kinderarbeit ist eine globale Herausforderung. Und sie trifft auch die Lehrkräfte: Jedes Kind, das der Schule fernbleibt, bedeutet im Grunde eine Verletzung des Rechts der Pädagogen zu lehren.

Interview: Tobias Schwab, Redakteur „Frankfurter Rundschau“

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