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/ Jahrgang 2011
/ 06/2011
Fair ChildhoodKota. Steine, nichts als Steine − soweit das Auge reicht. Sandstein ist der Reichtum der Region Bundi im nordindischen Bundesstaat Rajasthan – und ihre Armut. Die zehnjährige Sawitri hockt barfuß im Staub vor einem Haufen Sandstein, greift sich einen Brocken, teilt ihn mit dem Hammer und bearbeitet sorgfältig die Kanten, bis er das richtige Maß hat.
Sawitri weiß, mit Hammer und Meißel gut umzugehen. Der Knochenjob ist schon seit Jahren ihr täglich Brot. Narben an Händen und Armen zeugen davon. „Gehst Du zur Schule?“, fragt GEW-Vorsitzender Ulrich Thöne. Sawitri lächelt verschämt und schüttelt den Kopf. Nur rund ein Viertel der etwa 200 Kinder der Siedlung am Rande des Steinbruchs besucht den Unterricht – mehr oder weniger regelmäßig, erklärt der indische Sozialarbeiter Rajnath, der den Gewerkschafter auf seiner Tour durch Nordindien begleitet.
Mädchen packen mit an
In die steinreiche Region Bundi verschlägt es viele Familien aus Zentralindien, die hier Arbeit suchen, um überleben zu können. Sawitri ist mit ihrer verwitweten Tante Beba und deren fünf sieben- bis 13-jährigen Töchtern aus dem Bundesstaat Madhya Pradesh gekommen und siedelt jetzt in einer Hütte am Rande des Steinbruchs. Alle Mädchen müssen beim Behauen der Steine anpacken, damit die 35-jährige Beba die Familie irgendwie durchbringen kann.
Sawitri und ihre Cousinen teilen ihr Schicksal nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) weltweit mit 220 Millionen Mädchen und Jungen (s. E&W-Schwerpunkte 7-8/2010 und 4/2011). 115 Millionen von ihnen gehen nach ILO-Definition einer gefährlichen, ausbeuterischen Arbeit nach, die ihnen gesundheitlich und seelisch schadet. Indien ist dabei das Land mit der weltweit größten Zahl an Kinderarbeitern. Nach offiziellen staatlichen Angaben schuften hier 12,5 Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gehen allerdings eher von 60 bis 90 Millionen betroffenen Mädchen und Jungen aus. Da Kinderarbeit innerhalb des eigenen Hauses in Indien nicht verboten ist, taucht ein großer Teil der Kinder auch nicht in der Statistik auf.
„Wo bleibt der Staat?“, fragt Thöne beim Gang durch Bhadohi im nordöstlichen Bundesstaat Uttar Pradesh. In den Hütten des Dorfes und davor sitzen unzählige Mädchen und spinnen oder knüpfen Wolle. Auch in Indien ist gefährliche Kinderarbeit unter 14 Jahren laut Verfassung im Prinzip verboten. 1987 hat die Regierung nochmals eine nationale Richtlinie gegen Kinderarbeit erlassen, 2003 den Schulbesuch mit einem Verfassungszusatz zu einem Grundrecht erklärt.
Empfang beim Maharadscha
In Kota, einer Stadt mit 700 000 Einwohnern in Rajasthan, wird Thöne von Maharadscha Shri Ijyaraj Singh empfangen. Singh hat in den USA studiert. Heute ist der 45-Jährige Mitglied des Indischen Unterhauses. „Es sind viele Fragen, die mich bewegen“, beginnt der Gewerkschafter das Gespräch im herrschaftlichen Salon und kommt schnell zur Sache. Wenn die Regierung Schulgesetze erlässt, müsse sie auch zeigen, dass sie es ernst meint.
Singh erläutert zunächst, dass Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder auf Privatschulen schicken. „Die sind besser als staatliche Schulen“, gibt er unumwunden zu. „Und was ist mit den Kindern, deren Eltern in Steinbrüchen arbeiten?“, insistiert der GEW-Vorsitzende. Für den Staat sei es schwer, diese in den ländlichen Regionen wie der Wüste Thar zu erreichen, sagt Singh. „Es braucht Zeit und viel Geld, um die gesetzlichen Vorgaben in den einzelnen Bundesstaaten umzusetzen.“
Den Hinweis des deutschen Gastes auf das Millenniumsversprechen „Grundbildung für alle“, kommentiert der Parlamentsabgeordnete mit der Bemerkung: „Ein nobles Ziel, aber ich bin Realist.“
Das ist nicht die Antwort, die Thöne hören will. Es gehe jetzt um die Zukunft, um die Hoffnungen und Träume von Sawitri und ihrer Cousinen. „Ohne Bildung haben sie keine Chance, aus dem Teufelskreis von Hunger und Armut auszubrechen.“ Dass sie eine Chance haben könnten, kann Sawitris Tante Beba sich nicht vorstellen. „Mein Leben sind die Steine und das wird auch für meine Kinder so sein“, sagt sie.
Tobias Schwab,
Redakteur der „Frankfurter Rundschau“
Spenden für „Fair Childhood – Bildung statt Kinderarbeit“:
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BLZ: 700 20 500
GEW-Stiftung
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