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04.07.2011

Fair childhood – Bildung statt Kinderarbeit

Hipp, chic – und fair: So können Verbraucher Kleidung ohne Kinderarbeit erkennen

Wer den Laden Glore betritt, glaubt sich zunächst in einer der vielen Boutiquen, die – sehr chic, sehr stylish – vor allem Teenager ansprechen wollen. An den schwarzen Stangen vor weiß getünchter Wand hängen hippe Klamotten, Kollektionen junger, erfolgreicher Designer-Marken wie Armedangels oder Kuyichi. Glore ist hip – und dennoch anders: Am Schaufenster des Ladens unweit der Nürnberger Fußgängerzone klebt das Fairtrade-Siegel.

Glore (www.glore.de) bietet faire und ökologisch produzierte Shirts, Jeans oder Stiefel an. Die Mode, die Bernd Hausmann, Inhaber des Ethik-Fashion-Ladens, verkauft, besteht ausschließlich aus fair erzeugter Baumwolle, welche die Fairtrade Labelling Organizations International – kurz FLO – oder eine andere unabhängige Organisation zertifizieren lässt. Auch für die weitere Produktionskette schließt Hausmann Kinderarbeit und miese Entlohnung aus. Auf seiner Website wirbt er damit, dass „fair mehr ist als ein Verkaufsargument – nämlich ein handfester Bestandteil der täglichen Produktion“. Im Gespräch findet er einfachere Worte: „Style und Optik sind wichtig, aber der Respekt vor den Menschen, die das Teil produzieren, darf trotzdem nicht fehlen.“ Er erzählt, dass er irgendwann einfach an den Punkt gekommen sei, an dem er mit seinem Konsumverhalten „niemandem mehr schaden wollte“.

Neue, junge ethische Fashion-Labels von Designern und Streetwear-Händlern wie Glore oder Ghetto Deluxe, die sich Richtung Fairtrade bewegen, schießen hierzulande wie Pilze aus dem Boden. In Großbritannien oder in den USA haben sie sich bereits fest am Markt etabliert.

Dort, sagt Anton Jurina, Designer des Kölner Labels Armedangels, „muss man vielen Kunden das Prinzip von fairer Mode nicht mehr erklären“. Die Konsumenten ziehen mit – aufgeschreckt durch Berichte über verheerende Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit und massives Lohndumping in den Zulieferfabriken in Billiglohnländern wie China oder Bangladesch, aber auch der Türkei. In diesen Staaten werden heute 95 Prozent der hierzulande angebotenen Textilien hergestellt. Nach Angaben der „Kampagne für Saubere Kleidung“ bleiben den Nähern im Erzeugerland gerade mal ein bis zwei Prozent des Endverkaufspreises, den der Käufer in Deutschland etwa für das Paar Markensportschuhe auf den Ladentisch legt – das sind bei einem 100-Euro-Schuh ein bis zwei Euro. Der Großteil der Erlöse fließt an die Auftraggeber: Markenartikler und Handelskonzerne mit Sitz in Europa, Japan oder den USA.

Gerade die unschlagbar billigen Schnäppchen und Sonderaktionen bei Kik, Tchibo, Aldi, Lidl & Co., aber auch das Gros teurer Marken-, Sport- und Outdoor-Artikeln wird heute größtenteils in einem Sweatshop in China, Indien, Bangladesch, Pakistan, Indonesien, Nicaragua, Bolivien oder Vietnam hergestellt. Tausende solcher Fabriken gibt es im asiatischen Raum, Lateinamerika und – mit abnehmender Tendenz – in Osteuropa. Sweatshops sind Manufakturen, in denen Menschen zu Niedrigstlöhnen und unter schlimmen Arbeitsbedingungen schuften – darunter häufig auch Minderjährige.

Öko ist nicht gleich fair

Doch woran erkennt der Kunde im Laden, ob das T-Shirt sozialverträglich und ohne Kinderarbeit hergestellt wurde? Kaum eine Verkäuferin wird ihm darüber Auskunft geben können – Armut und Ausbeutung stehen nicht auf dem Etikett. Auch das Öko-Label auf dem T-Shirt sagt wenig aus: Zwar haben etliche herkömmliche Anbieter wie H&M, Otto oder Levis inzwischen auch eine Natur-Kollektion auf den Markt gebracht. Doch nicht jede Öko-Mode ist automatisch auch fair erzeugt.

Im Gegenteil: Viele Kleidungsstücke aus Bio-Baumwolle werden wie jedes andere konventionell gefertigte Kleidungsstück unfair zusammengenäht und gehandelt. Diese Mode ist dann zwar chemisch rückstandsfrei, aber unter Umständen sozial belastet. Hinzu kommt, dass die großen Modehäuser zumeist nur einzelne Teile aus Bio-Baumwolle in ihr Sortiment aufgenommen haben. Diesen Punkt kritisiert denn auch Berndt Hinzmann von der Organisation Inkota in Berlin: „Es kann doch nicht darum gehen, für einzelne ausgezeichnete Kleidungsstücke oder Teile der Produktionskette eine saubere Produktion nachzuweisen, während andere Produkte der gleichen Firma unter unwürdigen Bedingungen hergestellt werden.“

Echte faire Mode oder zumindest Baumwolle aus Fairem Handel hingegen ist derzeit noch nicht so leicht im Laden zu finden. Die bes­te Orientierung bietet dem Kunden bislang das Siegel „Fair­trade Certified Cotton“ von TransFair, der deutschen Siegelorganisation des Fairen Handels. Es haftet an ­Jeans, T-Shirts, Taschen oder Bettlaken aus Baumwolle und garantiert dem Verbraucher, dass der Bauer für seine Baumwollernte einen fairen Mindestpreis bekommen hat, der über dem Weltmarktpreis liegt, sowie einen Fairtrade-Aufschlag für soziale Projekte wie Schulen oder Hospitäler. Kinderarbeit auf den Plantagen der TransFair-Partner ist verboten.

Dass Kunden T-Shirts oder Hemden aus Bio- oder Fairtrade-zertifizierter Baumwolle kaufen, hilft den Baumwoll-Bauern und den Böden in den meist bitterarmen Produzentenländern. Der Anbau der sehr schädlingsanfälligen Pflan­ze gehört zu den umweltbelas­tensten Wirtschaftszweigen überhaupt: Er verbraucht viel Wasser und lässt als Monokultur Landstriche veröden. Hinzu kommt, dass im konventionellen Baumwollanbau jede Menge Kunstdünger, Insektizide und Fungizide eingesetzt werden. Auf den Plantagen in Burkina Faso, Pakistan oder Indien schuften häufig auch Kinder und Minderjährige. Sie und andere Baumwoll-Pflanzer und -Pflücker erhalten oft nicht einmal Anzüge, Brillen oder Atemmasken zum Schutz gegen die Chemiekeule. Vielmehr rühren sie die giftige Brühe mit nackten Armen an – um sie dann mit Handpumpen zu versprühen.

Nicht alles ist Fairtrade

Was Verbraucher allerdings wissen müssen ist, dass in der Regel nur die Rohbaumwolle und der Handel mit ihr, nicht aber das fertige Kleidungsstück zertifiziert werden. Das heißt: Auch das Fairtrade-Gütezeichen auf dem Hosenanzug garantiert dem Käufer keineswegs, dass das Stück in der nachfolgenden Wertschöpfungskette, also in der Spinnerei, Näherei oder bei den Konfektionären, fair weiterverarbeitet worden ist. Dies zu kontrollieren sei leider „fast unmöglich“, schreibt das Magazin Ökotest – zu unübersichtlich sei die Lieferkette in der globalen Textilbranche. Schließlich hat ein T-Shirt, bis es auf dem Ladentisch liegt, oft mehrere zehntausend Kilometer zurückgelegt.

Ein Fairtrade-Siegel nicht nur für die rohe Baumwolle, sondern auch für das fertige Kleidungsstück wird es von TransFair und anderen Organisationen daher in naher Zukunft nicht geben – „zu schwierig sind die Bedingungen für den Fairen Handel auf dem Textilien-Massenmarkt“, räumt Maren Richter von TransFair ein. Der Verein verlangt allerdings von den Herstellern und Händlern, mit denen er kooperiert, dass sich die restlichen Beteiligten der Lieferkette zumindest an die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) halten. Und die verbieten Kinderarbeit.

Martina Hahn,
Redakteurin der „Sächsischen Zeitung“

Mode aus fair gehandelter Baumwolle
Eine Liste der Firmen, die Textilien aus Fairtrade-zertifizierter Baumwolle anbieten, findet sich im Internet unter www.fairtrade-deutschland.de unter der Rubrik „Produkte“. Weitere Anbieter fairer Mode sind u. a. Kuyichi, Armedangels, Gardeur, Glore, Katherine Hamnett und People-Tree.

* Die unabhängige Non-Profit-Organisation Fair Wear Foundation (FWF) nennt auf ihrer Website www.fairwear.org Textilfirmen wie Hess Natur oder Outdoor-Ausrüster wie Mammut oder Jack Wolfskin, die ihre faire Produktion durch unabhängige Dritte kontrollieren lassen. Der FWF-Kodex gilt als einer der strengsten in der Textilbranche.
* In Weltläden (www.weltlaeden.de) bieten etwa Gepa, El Puente und kleine Anbieter faire Textilien an.
* Weitere Infos: Kampagne für Saubere Kleidung (www.saubere-kleidung.de) sowie Südwind Institut Siegburg (www.suedwind-institut.de)

Zum Welttag der Kinderarbeit am 12. Juni 2011 veröffentlichten Kultusministerkonferenz (KMK), Verband Bildung und Erziehung (VBE), Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen (BLBS) und Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eine gemeinsame Erklärung, die Sie auf der GEW-Website unter "Gemeinsame Erklärung KMK, VBE, BLBS und GEW" finden.

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