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03.09.2010

Gelsenkirchen – warum eine Kommune in Sprach- und Familienförderung investiert

Die Kita an der Skaggerakstraße liegt mitten in Bulmke-Hüllen, einem Stadtteil Gelsenkirchens. Dass die Haushaltslage hier alles andere als rosig, die Zahl der Arbeitslosen (zirka 14 Prozent) dafür besonders hoch ist, lässt Schlimmes für die Möglichkeiten der Stadt ahnen, in Bildung und Erziehung zu investieren. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Lange vor der Veröffentlichung internationaler und nationaler Vergleichsstudien leitete die Stadt eine Bildungsoffensive großen Stils ein. So starteten schon 1998 erste Sprachförderangebote in Bismarck Schalke/Nord, einem Stadtteil mit besonderem Handlungsbedarf. Fünf Tageseinrichtungen und ebenso viele Grundschulen wurden einbezogen. Letzte Zweifel an der Notwendigkeit, in Bildung und Erziehung zu investieren, vertrieb 2001 der PISA-Schock, erinnert sich Manfred Beck, der ein Jahr zuvor zum Beigeordneten für Kultur, Bildung, Jugend und Sport aufgestiegen war: „Die Studie warf ein verheerendes Licht auf unsere Stadt. Da wussten wir, dass wir dem Flickwerk der vielen einzelnen kleinen und auch gu­ten Bildungs-, Eltern- sowie Familienförderungsmaßnahmen ein Ende bereiten mussten, um die Quote der Bildungsverlierer nachhaltig senken zu können“, sagt er. Heute strahlt er über ein strategisches Gesamtkonzept, das bundesweit Beachtung findet.

Breite Sprachförderung

Im Grunde gibt es nichts, was es nicht gibt. Die flächendeckende, systematische und aufeinander aufbauende Sprachförderung von Kindern ab den frühesten Lebensjahren und ihrer Eltern ist inzwischen ebenso selbstverständlich wie die Begrüßungsbesuche in den Familien nach der Geburt des ersten Kindes oder die umfassenden Angebote der Gelsenkirchener Elternschule.

Gabriele Ihde koordiniert für die Stadt seit 2008 die Sprachförderung. Das Thema beschäftigt sie schon lange, war sie doch zuvor bei der Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA) für die sprachliche Förderung zuständig.

Für Ihde ist es nur logisch: Damit aus Sprache kein Problem wird, muss mit der Förderung früh begonnen werden – sehr früh. Angeregt durch ein entsprechendes Konzept in den Niederlanden wurden deshalb die „Griffbereit-Gruppen“* in den städtischen Kindertagesstätten eingerichtet. 60 Gruppen mit 480 Müttern (Ihde: „Väter verirren sich bisher hierhin nur vereinzelt“) existieren derzeit in 46 Einrichtungen. Eine der Gruppen leitet Nurdan Yukaribas in der Kita an der Skagerrakstraße. Elternbegleiterin lautet ihr offizieller Titel. Einmal pro Woche versammelt sie sechs bis zehn Mütter mit ihren Kindern von ein bis drei Jahren um sich. Ihre eigene Tochter Mina (3) ist auch dabei.

Anderthalb Stunden wird gesungen und gesprochen – spielerisch die deutsche Sprache trainiert. Yukaribas ist eine der Mütter, die sich nach ausführlicher Schulung durch die RAA für die Aufgabe qualifiziert hat. Ihr Vorteil: Sie spricht zwei Sprachen, kann notfalls den Müttern etwa bei Fragen zur Entwicklung ihrer Kinder in der Muttersprache antworten. Und sie ist Vorbild für andere Migrantinnen, macht deutlich, dass es für Erwachsene wie Kinder wichtig und eine Chance ist, die deutsche Sprache zu erlernen, aber auch die Muttersprache weiter zu pflegen.
Das unterstreicht auch Nurcan Artan. Die 33-Jährige nimmt mit ihrer Tochter Irem am Sprachkurs teil. Sie weiß wa­rum: „Wir leben hier, also müssen wir uns verständigen und andere verstehen können.“ Sie ist wie alle Eltern vom Gesamtkonzept überzeugt. Denn „Griffbereit“ folgen nahtlos Förderprogramme für die Vier- bis Sechsjährigen zunächst nach dem Kon-Lab-Modell** des Schweizers Zvi Penner (drei mal 15 Minuten pro Woche) sowie „Deutsch für den Schulstart“ (Uni Heidelberg) im letzten Kindergartenjahr (dreimal 45 Minuten pro Woche).

Karin Wassinger leitet die Kita an der Skagerrakstraße. Sie erinnert sich an inzwischen zerstreute Bedenken von Eltern, die Kita könne zu verschult werden. „Das geschieht alles spielerisch, jedoch gezielt“, sagt sie und blickt zu einer kleinen Gruppe Sechsjähriger. Für sie steht gerade „Deutsch für den Schulstart“ auf dem Programm. Man spürt ihren Spaß und ihre Lebendigkeit, wenn die Handpuppen Draco und Mimi, die stets dabei sind, sich Geschichten erzählen und erklären. Der Erfolg des Konzepts ist greifbar. Kinder, die anfangs über kaum einen Wortschatz verfügten, sind nach einem Jahr in der Lage, eine Geschichte nachzuerzählen.

Wassinger und Ihde verhehlen nicht, dass sie nicht nur bei Eltern, sondern auch in den eigenen Reihen ursprünglich auf Skepsis stießen. „Was soll das jetzt schon wieder? Wir fördern die Kinder doch täglich, wenn wir mit ihnen sprechen“, lautete ein oft gehörtes Argument. Die Skepsis ist verstummt, seit immer mehr Erzieherinnen für die gezielte Sprachförderung qualifiziert werden und seit sich Erfolge einstellen. Heute wissen Erzieherinnen wie Miros­lava Vukomanovic: „Früher haben wir zwar mit den Kindern gesprochen, aber die Stolpersteine der Sprache wie Artikel, Plural und das freie Erzählen nicht beachtet.“

Nicht zum Nulltarif

Zum Nulltarif sind solche Programme jedoch nicht zu bekommen. Auch wenn eine Elternbegleiterin oder Honorarkraft für die Griffbereit-Gruppe gerade einmal 1500 Euro pro Jahr erhält. 300 000 Euro stellt die Stadt Gelsenkirchen für den frühen sprachlichen Kompetenzerwerb zur Verfügung. Das aber ist nur möglich, weil es politischer Konsens ist, den städtischen Bildungsetat von Kürzungen zu verschonen.
Das finanzielle Engagement und eine früh einsetzende Sprach- und Familienförderung zahlten sich bereits aus. Das Institut für Sozialplanung und Organisationsentwicklung in Essen registrierte bei einer ersten Evaluierung (2000 bis 2003) einen klaren Anstieg der Sprachfähigkeit der Kita-Kinder mit Migrationshintergrund. Resümee: „Das im Bundesgebiet einzigartige Projekt bietet anderen Kommunen die Chance, von Gelsenkirchen zu lernen.“

Gleiches gilt für das umfassende gemeinsam mit der Mercator-Stiftung 2005 etablierte Förderangebot für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund für alle Jahrgangsstufen. 25 Schulen (alle Schulformen der Sek. I) sind hier einbezogen. Das europäische Forum für Migrationsstudien in Bamberg begutachtete die Fördermaßnahmen – in Deutsch z. B. Übungen der Wortschatzerweiterung – und stellte 2009 fest, dass sich die Hälfte aller Geförderten auf jeden Fall in einem Hauptfach zumindest um eine Note verbessern konnte.

Elternansprache nötig

Einigkeit herrscht in der Stadt des Deutschen Fußball-Vizemeisters Schalke 04 auch darüber, dass auf die Elternansprache nicht verzichtet werden kann. Diese beginnt, wenn eine städtische Mitarbeiterin bei einer Familie nach der Geburt eines Kindes ihren Besuch ankündigt. 84 Prozent aller frischgebackenen Mütter und Väter nehmen das Angebot dankend an. Neben netten und nützlichen Präsenten wie Zahnbürste und Bilderbuch enthält das Begrüßungspaket auch Wissenswertes: einen Leitfaden (auch in Russisch und Türkisch) mit den wichtigsten Informationen zu Behördengängen sowie Broschüren (Gesundheit, Ernährung, Medizinisches). Es wird zudem konkret ein Zugang zur Bildung geschaffen: durch Gutscheine für die Stadtbücherei sowie gezielte Informationen zum Bildungssystem.

Türöffner für die Familien

Ina Woelk und Ute Frings-Baranowski aus dem Gelsenkirchener Team Familienförderung/Familienbil­dung wissen um die Bedeutung des Antrittsbesuchs als Türöffner zu den Familien und für die Bildungschancen der Kinder. Hier erfahren die Eltern, fast die Hälfte sind Migranten, auch von der Gelsenkirchener Elternschule. Sie bietet regelmäßige Kurse zu allen Themen rund um Erziehung, Gesundheit, Ernährung und Bildung an. An den bisherigen knapp 200 Seminaren nahmen 1400 Mütter und Väter teil, das Interesse steigt stetig.

Durch gezielte Befragung erfuhren die Organisatoren die Bedürfnisse der Eltern. Eines lautete: Das Angebot muss in der Nähe sein. „Alles ist wohnortnah organisiert oder wie wir sagen in Kinderschiebnähe“, berichtet Ina Woelk. Tief in die Tasche müssen Interessierte auch nicht greifen, um an den sieben 90-minütigen Treffen teilzunehmen: 45 Euro werden fällig, finanzschwache Familien zahlen nichts, selbst wenn sie ihr Kind während ihres Bildungskurses im Nebenraum betreuen lassen.

Gelsenkirchen investiert in seine Erziehungs- und Familienförderung 120 000 Euro. Das macht sich bezahlt. „Ein anderes Bewusstsein für Bildung und Erziehung ist in Gelsenkirchen angekommen“, weiß Dezernent Manfred Beck. Andernorts sieht man es ebenso: Erst jüngst wurde die Stadt zur „City for Children“ gekürt.***

Stephan Lüke, freier Journalist

* Das „Griffbereit-Programm“ ist für Mütter mit Kindern von ein bis drei Jahren und dient als Vorbereitung für den Besuch der Kitas. Intention ist vor allem, die Sozialkompetenz der Mütter zu stärken sowie praktische Tipps für die kognitive Entwicklung der Kinder zu vermitteln.

** Der Schweizer Zvi Penner entwickelte im Rahmen seiner Forschungsarbeit das Kon-Lab-Modell, in dessen Zusammenhang er sich intensiv mit dem Sprachrhythmus als Grundlage des Sprach­erwerbs und der Wortbildung auseinandersetzte. Als Ergebnis seiner Forschung ist das Programm „Vom Sprachrhythmus zur Rechtschreibung“ entstanden. Penner orientiert sich methodisch am natürlichen Sprach­erwerbslauf eines Kindes. Weitere Infos zur frühen Sprachförderung unter: www.kon-lab.com.

*** Die Auszeichnung wird vom Kongress der Gemeinden und Regionen Europas des Europarats, dem Rat der Gemeinden und Regionen Europas, dem Ausschuss der Regionen, dem Städtenetzwerk „Cities for Children“, der Landeshauptstadt Stuttgart und der Robert Bosch Stiftung jährlich verliehen.

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Gelsenkirchen: Kommunale Haushaltslage

Knapp 25 Millionen Euro gab Gelsenkirchen 2008 für Schulen aus. Für 2010 sind gut drei Millionen Euro mehr vorgesehen – nicht mitgerechnet die Kosten für Investitionen in und Sanierungen an Gebäuden. Um 1,5 Millionen auf knapp 37 Millionen Euro gestiegen ist auch der aktuelle Etatansatz für Tageseinrichtungen. Das aufgrund der defizitären Haushaltslage aufzustellende Haushaltssicherungskonzept weist für den Zeitraum 2010 bis 2013 einen durchschnittlichen jährlichen Fehlbedarf in Höhe von 109 Millionen Euro aus. Der Bildungsbereich aber wurde von Haushaltssicherungsmaßnahmen weitgehend verschont. Einzige Ausnahmen bilden die Einsparungen durch Schulschließungen aufgrund rückläufiger Schülerzahlen

Sozialdaten:
Einwohnerinnen und Einwohner: 260.704
Migrantinnen und Migranten: 60 026 (23,02 Prozent der Gesamteinwohnerzahl)
SGB II-Empfänger-Quote (alle nichterwerbsfähigen Hilfe­bedürftigen unter 65 Jahre, die Geld von der ARGE beziehen): 21,5 Prozent
Schulabgänger: 3.486 (2008/2009)
ohne Abschluss: 9,3 Prozent (2008/2009)
Quelle: Stadt Gelsenkirchen


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