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/ Jahrgang 2010
/ 09/2010
NRW GemeinschaftsschuleLang ist der Katalog jener Veränderungen, die die neue rot-grüne Landesregierung in NRW für den Bildungssektor im Koalitionsvertrag verabredet hat. Zentrale Punkte sind unter anderem:
Eine Milliarde Euro will die neue Landesregierung ab dem kommenden Jahr zusätzlich in Bildung investieren und damit die Kommunen entlasten. Über das „Wie“ allerdings grübelt das Kabinett in diesen Tagen ebenso wie über die Frage, wie sie eine Mehrheit im Landtag für die Abschaffung der Studiengebühren findet. CDU und FDP lehnen dies ab, die Linken wollen nur zustimmen, wenn die Gebühren sofort gestoppt werden.
Ein Thema beherrscht Debatte
In den ersten Tagen von Rot-Grün beherrscht allerdings vor allem ein Thema die öffentliche Debatte: die Einführung der Gemeinschaftsschule. Eine Gesetzesänderung und damit die Suche nach einer parlamentarischen Mehrheit ist dafür nicht erforderlich, da das Schulgesetz Experimente erlaubt. Dass Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) noch während der Sommerferien die Genehmigung für eine Gemeinschaftsschule im münsterländischen Ascheberg ankündigte, ließ den dortigen Bürgermeister Bert Risthaus (CDU) frohlocken und auf mehr Chancengleichheit hoffen. Doch die offizielle Sprachregelung der Landtagsfraktion der Christdemokraten nimmt solche Stimmen in den eigenen Reihen offensichtlich nicht zur Kenntnis. Von einem „Herumexperimentieren an einer gewachsenen und gelebten Schullandschaft“, sprach der schulpolitische Sprecher der CDU, Thomas Sternberg. FDP-Kollegin Ingrid Pieper-von Heiden klagte: „Nur um die ideologischen Hirngespinste des rot-grünen Koalitionsvertrages schnellstmöglich an einem Beispiel zu erfüllen, soll die Einheitsschule mit ungeklärten Standards auf Biegen und Brechen auf den Weg gebracht werden.“
Dagegen begrüßt die nordrhein-westfälische GEW das Bemühen von Rot-Grün, bis 2015 30 Prozent der weiterführenden Schulen in Gemeinschaftsschulen umzuwandeln. Die Kommunen sollen entscheiden dürfen, ob sie neben den bisherigen Schulformen die Gemeinschaftsschule einführen, in der auch das Abitur als Abschluss im Angebot ist. In Klasse fünf und sechs ist der gemeinsame Unterricht verpflichtend, danach können abschlussbezogene Klassen eingerichtet werden. Da allerdings setzt die Kritik der GEW an. „Von uns ist eine Aufteilung nach dem sechsten Schuljahr nicht gewünscht“, betont GEW-Chef Andreas Meyer-Lauber. Er räumt ein, dass dieses rot-grüne Modell sich nur marginal von Gesamtschulen unterscheidet.
Abitur: bald Flickenteppich?
Deutlich mehr Diskussionsbedarf sieht Meyer-Lauber bei einem anderen Thema. Noch verlangt die neue Landesregierung von den Schulen, sich bis Februar 2011 zu entscheiden, ob sie das Abitur nach acht oder nach neun Jahren anbieten. Viele fürchten einen unübersichtlichen Flickenteppich. Und auch die GEW meldet Widerspruch an: „Wir wollen, dass alle Schulen beide Möglichkeiten offerieren.“ Andernfalls drohe eine „Zwei-Klassenschulgesellschaft“. Meyer-Lauber: „Wenn das Modell kommt, gilt jede Gesamtschule und jedes Gymnasium mit G-9-Angebot als Sozialschule.“
Klare Vorstellungen hat die GEW auch bei künftigen Gesprächen über Arbeitszeit und unterschiedliche Bezahlung von Pädagoginnen und Pädagogen. „Mit Schwarz-Gelb haben wir jetzt jahrelang ohne konkretes Ergebnis über diese Punkte verhandelt. Von einer rot-grünen Landesregierung erwarten wir, dass sie bereit ist, nicht nur über finanzielle Umverteilungen zu sprechen, sondern tatsächlich auch mehr Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Andernfalls müssen wir uns gar nicht erst an einen Tisch setzen“, warnt Meyer-Lauber.
Stephan Lüke,
freier Journalist