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04.03.2010

Gerechte Vergütung rangiert in ihrer Aussichtslosigkeit auf Höhe einer Marslandung

Zur GEW-Berichterstattung über die Eingruppierungstarifverhandlungen für Lehrkräfte stellt sich ein Kollege aus Bremen die Frage, ob der Staat seine Arbeit im Schuldienst angemessen belohnt, seine Tätigkeit hinreichend würdigt und fürsorglich mit ihm umgeht. Die Antworten, die er findet, fallen eher niederschmetternd aus.

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Häufig stelle ich mir die Frage, ob der Staat meine Arbeit im Schuldienst angemessen belohnt, ob er meine Tätigkeit hinreichend würdigt und fürsorglich mit mir umgeht. Der Glaube an eine adäquate Besoldung und gerechte Versorgung setzt Vertrauen voraus. Eben dieses Vertrauen konnte ich in den Jahren meiner Lehrtätigkeit im Schuldienst kaum ausbauen und stabilisieren.

„Denn, um glücklich zu sein, fordert es beim Menschen nicht bloß, dass er wohl versorgt sei, sonder auch, dass er glaube, er sei’s.“

Als Dipl.-Ing. (FH) mit abgeschlossenem Architekturstudium arbeite ich als Fachlehrer an einer Fachoberschule (Sek. II) im Lande Bremen. Vor sechzehn Jahren trat ich ohne das zweite Staatsexamen, im Rahmen einer Kollektivklage und ohne Referendariat, in den Schuldienst ein. Dieser Klage gingen sieben Jahre Lehrtätigkeit in der Erwachsenenbildung – und in Kettenverträgen – voraus, die jegliche Sicherheit und Stabilität entbehren.

Heute unterrichte ich in sechs oder auch mehr Unterrichtsfächern. Verschiedene Fächer konzentrieren sich inhaltlich auf das nahende Abitur. Annährend wie jeder andere in meiner Schule wirkende Kollege bin ich in den Prüfungsfächern eingesetzt. Neben der Konzeption von Examensaufgaben führe ich Prüfungen durch und benote die Ergebnisse. Außerdem bin ich als Klassenlehrer bzw. Tutor eingesetzt.

Meine Arbeit unterscheidet sich in keiner Weise von den Tätigkeiten höherer besoldeter Studienräte. Nebenher bin ich als Vertrauenslehrer tätig, dieses allerdings ohne Ausgleich. Trotz Teilzeitarbeit und Altersteilzeit arbeite ich häufig deutlich mehr als acht Stunden am Tag in – und für die Schule. Dazu addiert sich die Unterrichtsvorbereitung daheim, zahlreiche Konferenzen kommen hinzu.

Nach fünfundzwanzig Jahren in der Schule und im öffentlichen Dienst hat die Behörde eine Höhergruppierung und auch ein späteres Referendariat verhindert. Die gerechte Vergütung und Gehaltsangleichung rangiert in ihrer Aussichtslosigkeit quasi auf der Höhe einer Marslandung. Ergo stuft mich die Behörde für absolut gleiche Tätigkeiten (als Fachlehrer) eine Gehaltsgruppe niedriger ein.

Eine weitere Ungerechtigkeit kommt aber noch hinzu: Im Monat muss ich zwölf Stunden mehr als die anderen Lehrenden an meiner Schule unterrichten. Mehrarbeit für weniger Geld!

Diese Benachteiligungen empören mich. Mit kontinuierlich wachsenden Belastungen und Anforderungen im Schuldienst verärgert mich dieser Missstand mehr denn je. Soziale Herabsetzung belastet die Psyche, nimmt negativen Einfluss auf das Selbstwertgefühl, drückt auf die Geldbörse, schmälert schließlich die Rente.

An dieser Stelle fordere ich mehr Fürsorgepflicht und Gerechtigkeit in der Arbeitswelt.

Weiterführend bemerkte Pestalozzi: „Der herrschaftliche Stand ist gar nicht durch seinen Ursprung, sondern nur durch das Gesetz rechtmäßig; das Gesetz aber darf den Grund seiner Rechte weder in den Gewaltgelüsten übergroßer Herren noch in den demütigen Niederträchtigkeiten überschwacher Knechte suchen“.

Meine Frage: Sind Macht der Gesetzgebung und Stärke der Behörde so unüberwindlich, dass ich gleichermaßen Opfer und Knecht meiner eigenen Diskriminierung sein muss? Der Druck, mich selbst auszubeuten, meiner inneren kritischen Stimme den Mund zu verbieten, damit ich konform bleibe, stellt sich mir als beängstigendes Szenario dar.

Schüler brauchen Lehrer, die ihnen Freiräume geben können, Lehrer, die Verständnis für ihre individuelle Situation aufbringen. Pädagogen müssen Nerven aus Stahl haben, Stärke und Menschlichkeit vermitteln können. Unsere Gesellschaft braucht Lehrende, die vom Staat unterstützt und geschützt, selbstsicher, durchsetzungsfähig und integer agieren können.

Sie sollten nicht in einem Irrsinn von Reglements untergehen – gesellschaftlich mehr und mehr an Ansehen verlieren. Fachlehrer mit abgeschlossenem Studium, die lange und erfolgreich unterrichten, die aber in ihren Bemühungen vom System nicht anerkannt sind, ungerecht behandelt werden, sollten diese Schieflage immer wieder deutlich und öffentlich machen.

Bernhard W. Rahe - Bremen

Links

GEW-Portal zur Länder-Entgeltordnung (Tarifverhandlungen zur Eingruppierung von Lehrkräften)


GEW-Mitglieder-Blog
Wir wollen wissen, was die GEW-Mitglieder über die Tarif-Forderungen denken. Was wird in den Kollegien diskutiert? Habt ihr Probleme mit eurer Bezahlung?
// Schreibt uns und lest, wie andere darüber denken.

 

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