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/ Jahrgang 2010
/ 09/2010
/ Schwerpunkt 09-2010: Lebenschancen Jugendlicher
Lebenschancen: FritscheDie Hansestadt, davon ist Horst Linke überzeugt, habe den Übergang am konsequentesten durchdacht und könne damit Vorbild auch für andere Bundesländer werden. Der Bundesfachgruppenvertreter der Hamburger GEW leitet eine von zwei Gewerbeschulen, an denen im August die Pilotphase für das Hamburger Ausbildungsmodell (HAM) startete. Je 24 Schülerinnen und Schüler werden hier zu Metallbauern oder Gastronomie-Fachkräften ausgebildet. Nach einem Jahr soll das Modell auf mehr Berufe und rund 300 Plätze erweitert werden. Das HAM ist neben der verbesserten Berufsorientierung ab Klasse 8 und der neuen ganztägigen Ausbildungsvorbereitung für so genannte „nicht ausbildungsreife“ Jugendliche einer von drei Bausteinen bei der Veränderung der Beruflichen Bildung im Rahmen der Hamburger Schulreform.
Nicht nur für die, die in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt oder aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres Migrationshintergrundes benachteiligt sind, hatte sich das bisherige Übergangssystem mit den unterschiedlichen ausbildungs- und berufsvorbereitenden Maßnahmen als unübersichtlich und ineffektiv erwiesen. Bei der Agentur für Arbeit waren im Juni 2222 Jugendliche ohne Lehrstelle gemeldet (als noch unversorgt zählt die Bundesagentur für Arbeit im Juli bundesweit 152 500 Bewerber, dies muss aber als Schlaglicht gelten*), die Zahl der Unversorgten abseits der Statistik ist unbekannt **.
So soll es nun in der Hansestadt gehen: Das traditionelle duale System, also die Lehre im Betrieb mit begleitender Berufsschule bleibt unverändert; die als Reparatursystem ungeliebte teilqualifizierende Berufsfachschule wird schrittweise abgeschafft. Neu ist der Versuch, eine Gesamtstrategie zu entwickeln, die schulische und außerschulische Angebote koordiniert und aufeinander bezieht. Neu ist auch das Versprechen, allen Jugendlichen, die eine Ausbildung machen wollen und können, die Türen aufzuhalten: „Wir wollen keinen Abschluss ohne Anschluss in Ausbildung oder Erwerbstätigkeit“, so Bildungssenatorin Christa Goetsch (Grüne).
„Ausbildungsreife“ Jugendliche mit Abschluss, die trotz Bewerbung keine Lehrstelle gefunden haben, können künftig unmittelbar mit einer qualifizierenden Berufsausbildung beginnen. Im HAM startet nach einem schulischen Berufsqualifizierungsjahr die Ausbildung in der Schule und kooperierenden Betrieben, begleitet von Maßnahmeträgern. Ziel: Jugendliche letztlich in die duale Ausbildung zu bringen.
Offen ist, wer dabei durch den Rost fällt: Das Auswahlkriterium der „Ausbildungsreife“ sei ein „Gummibegriff“, kritisiert Sigrid Strauß, Berufsschullehrerin und stellvertretende GEW-Vorsitzende in Hamburg.
Weg von den Warteschleifen
Das HAM bekommt mit einer ausgebauten Berufswegeplanung spätestens ab Klasse 8 einen Vorlauf, der mit Praxisbezug und Beratern vor Ort jungen Menschen bei der Berufswahl helfen soll. Die frühe Vernetzung allgemein bildender und berufsbildender Schulen ist dabei ebenso neu wie die im Rahmenkonzept vorgesehene enge Zusammenarbeit zwischen Schule und außerschulischen Akteuren, also den Betrieben, beruflichen Schulen, der Agentur für Arbeit.
Schulleiter Linke ist anzumerken, dass er sich auf die Neuerungen freut: „Wir kommen endlich weg von der unsäglichen Warteschleifendiskussion. Wer bei uns anfängt, kann eine Ausbildung zu Ende machen.“ Sehr bekannt ist der Weg offenbar noch nicht. „Momentan haben wir nicht das Problem, massenhaft ablehnen zu müssen“, sagt Linke. Aber das kann sich bald ändern.
Tina Fritsche,
freie Journalistin
* Quelle: Monatsbericht Agentur für Arbeit Juli 2010
** Ausbildungsmarkt in der Hansestadt
Der Ausbildungsmarkt in Hamburg ist nicht einfach: 43 von 100 neuen Ausbildungsplätzen gehen an Jugendliche, die ihren Schulabschluss nicht in der Hansestadt gemacht haben. Der doppelte Abiturjahrgang 2010 – in Niedersachsen 2011 – wird sich zusätzlich auswirken. Den Druck bekommen die Jugendlichen ab, die die Schule mit schlechten Noten oder ohne Abschluss verlassen. Das Statistische Jahrbuch 2009/2010 nennt für das Jahr 2008 insgesamt 1349 Abgänge ohne Abschluss aus den allgemein bildenden Schulen, 9904 aus den berufsbildenden Schulen (bundesweit: knapp 65000 Abgänger ohne Hauptschulabschluss in 2008, Quelle: Statistisches Bundesamt).
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