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/ 07-08/2010
/ Schwerpunkt 07-08/2010: Kinderarbeit
Kinderarbeit: LudwigDie Ernte ist ein Knochenjob. Da muss jedes Mitglied der Familie Kaboré ran. Bei feucht-heißen Temperaturen, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, schuften sie auf ihrer kleinen Pflanzung im Süden der Elfenbeinküste. Zweimal im Jahr, über mehrere Monate. Während Kakaobauer Victor Kaboré die reifen, gelb-orangefarbenen Früchte von den Bäumen abtrennt, stapeln Frau und Kinder sie in einem großen Korb, den sie auf dem Kopf zur Sammelstelle tragen.
Der 12-jährige Bernard, ein kleiner, drahtiger Junge, schnauft, als er seine Last ablädt. „Das Schleppen ist das Schlimmste“, erzählt er mit leiser Stimme dem WDR-Fernsehteam und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Es ist so anstrengend.“ Später sitzen sie zusammen und trennen mit der messerscharfen Machete, lang wie ein Kinderarm, die Früchte auf. Dann pulen sie die Bohnen mit dem weißen, glibberigen Fruchtfleisch heraus. Dabei müssen alle helfen, auch die Kinder. Eine gefährliche Arbeit, bei der sie sich immer wieder verletzen. Diese Bilder strahlte das ARD-Magazin Plusminus im März aus.
Seit vier Jahren hilft Bernard seinen Eltern bei der Ernte. Danach müssen die Bäume beschnitten und die Pflanzung gepflegt werden. Eigentlich sollten er und seine jüngeren Geschwister die Schulbank drücken. Doch Victor Kaboré kann auf ihre Arbeitskraft nicht verzichten. „Ich habe kein Geld für erwachsene Angestellte. Was soll ich tun?“ Er hebt fragend die Schultern. „Wo immer du sparen kannst, machst du es. Auch wenn du es nicht willst.“ Ohne die Mitarbeit seiner Kinder würden die Früchte an den Bäumen verfaulen.
Chronische Schmerzen
Friedel Hütz-Adams vom Forschungsinstitut Südwind (s. S. 12 ff.) hat in der Studie „Die dunklen Seiten der Schokolade“ die Arbeitssituation im Kakaoanbau untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass viele Kinder, die zu harte Arbeiten ausführen, unter chronischen Nacken- und Rückenschmerzen leiden, die zu dauerhaften Schäden führen können. „Viele Kinder klagen über Migräne. Wir vermuten, dass die durch den Kontakt zu Spritzmitteln hervorgerufen wird“, so Hütz-Adams.
Victor Kaboré ist einer von 600 000 Kakaobauern an der Elfenbeinküste: Die überwiegende Mehrheit bewirtschaftet kleine Plantagen von höchstens drei Hektar. Weil sie selbst keine Transportmöglichkeiten besitzen, verkaufen sie ihre fermentierten und getrockneten Bohnen an Zwischenhändler, so genannte „pisteurs“, die mit ihren Lastwagen die abgelegenen Dörfer abklappern. Weil Victor Kaboré jedoch nie weiß, ob und wann der nächste Aufkäufer kommen wird, bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Bohnen zur vom Händler vorgeschlagenen Summe zu verkaufen.
Obwohl sich die Kakaopreise auf dem Weltmarkt im Höhenflug befinden, kommt der Gewinn bei Kaboré und seinen Kollegen nicht an. Magere 40 Prozent des Exportpreises erhalten sie, das ist bedeutend weniger als in den Nachbarländern. Der Rest geht für Steuern, Transportkosten und die Gewinnmargen der Zwischenhändler drauf. Das Einkommen der Bauernfamilien reicht kaum zum Leben.
Kakaoland Nummer eins
Die Elfenbeinküste ist mit einem Anteil von 40 Prozent am weltweit gehandelten Kakao das Exportland Nummer eins. Etwa 1,3 Millionen Tonnen der begehrten Bohnen werden dort im Jahr produziert. Dennoch gehört der Staat zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Obwohl die Elfenbeinküste die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit sowie für das Mindestalter der Beschäftigten ratifiziert hat, ist Kinderarbeit ein gravierendes Problem: Nach unterschiedlichen Schätzungen arbeiten allein auf den Kakaoplantagen 200 000 bis 250 000 Minderjährige. Weitere 500 000 verrichten leichtere Arbeiten. Lediglich 63 Prozent der Kinder aus dem gesamten Kakaosektor besuchen eine der wenigen, schlecht ausgestatteten Schulen. Dass diese Kinder nicht lesen und schreiben lernen, hat gravierende Folgen für die gesamte ivorische Gesellschaft. Sie haben keine Aussicht auf bessere Arbeitsplätze, das führe zu einer „Zementierung der Armut der Bauern“, so Friedel Hütz-Adams.
Doch es sind nicht nur die eigenen Kinder, die in den Plantagen schuften. In dem Plusminus-Beitrag kommt auch der 15-jährige Daniel zu Wort. Er stammt aus dem Nachbarland Burkina Faso und wurde vor fünf Jahren von Victor Kaboré gekauft. Nach neuesten Studien sollen noch immer bis zu 12 000 Kinder aus den Nachbarstaaten Mali, Togo und Burkina Faso auf den Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste ausgebeutet werden. Sie malochen ohne Bezahlung und bekommen gerade so viel zu essen, dass sie nicht verhungern.
Wenig Konsequenzen
Seit der britische Fernsehsender Chanel 4 vor zehn Jahren erstmals die schockierenden Bilder von Kindersklaven im Kakaoanbau zeigte, sind diese Missstände bekannt. Dennoch beziehen die großen Schokoladenhersteller wie Ferrero, Nestlé, Kraft oder Mars weiterhin den Großteil ihrer Rohware aus der Elfenbeinküste. Von dort kommt auf offiziellen und inoffiziellen Wegen über die Hälfte des insgesamt in Deutschland verarbeiteten Kakaos. „Der Bedarf der deutschen Schokoladenindustrie ist so hoch, dass sie auf die Rohware aus der Elfenbeinküste nicht verzichten könnte“, sagt Torben Erbrath, Sprecher des Bundesverbands der deutschen Süßwarenindustrie. Folglich bestätigt Paul de Petter, Afrika-Chef des Schweizer Konzerns Barry Callebout, über den viele Unternehmen Kakaohalbfabrikate beziehen, gegenüber einem Schweizer Fernsehteam: „Niemand kann garantieren, dass keine Kinderarbeit im Kakao steckt.“
Dabei haben sich die Hersteller bereits im Jahr 2001 im so genannten „Harkin-Engel-Protokoll“ verpflichtet, die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ in der Kakaoindustrie zu bekämpfen. Diese Vereinbarung kam erst auf massiven politischen Druck aus den USA zustande. Bis zum 1. Juli 2005, wurde im Protokoll festgelegt, sollte ein Zertifizierungssystem entwickelt werden, mit dem der Kakao gekennzeichnet werden sollte, der ohne die Ausbeutung von Kindern hergestellt wurde. Doch die Umsetzung der Vereinbarungen wurde immer weiter hinausgeschoben, aktuell auf das Jahr 2011, und auch die Ziele wurden verwässert. „Das ursprüngliche Harkin-Engel-Protokoll ist tot“, urteilt Friedel Hütz-Adams.
Für Hütz-Adams ist die Problematik der Kinderarbeit komplex. Ein Verbot allein würde die Situation nicht verbessern. Ein wichtiger Aspekt ist eine gerechtere Bezahlung der Bauern. „Die Armut ist ein wichtiger Grund, warum Kinder nicht zur Schule gehen. Deshalb kann Kinderarbeit nur bekämpft werden, indem auch die Armut verringert wird“, sagt Friedel Hütz-Adams.
Konzerne unter Zugzwang
Weil auch die Produktionsmengen an der Elfenbeinküste zurück gehen, stehen die Konzerne unter Zugzwang. Viele Projekte und Initiativen wurden begründet, die regional und unabhängig voneinander arbeiten. Die meisten legen eigene Programme auf, um Ernteerträge und Qualität des Kakaos zu verbessern. Das erleichtert die Rohstoffbeschaffung – und werde, so ihre Argumentation, auch die Einkommenssituation der Bauern verbessern. So investieren beispielsweise Barry Callebout und Nestlé in die Ausbildung von Landwirten und in die Qualitätsverbesserung. Viele der Kakaoriesen sind zudem Mitglieder der 2000 gegründeten Weltkakaostiftung. Im Februar 2010 hat diese zusammen mit der „Bill & Melinda Gates Stiftung“ das Programm „Lebensgrundlage Kakao“ gegründet. Die Initiative will die Lebensverhältnisse von 75 000 ivorischen Bauern verbessern.
Der umsatzstärkste Produzent Mars hat im vergangenen Jahr eine Kehrtwendung angekündigt. In einer Absichtserklärung verpflichtet sich der Konzern, bis 2020 nur noch Kakao aus zertifiziertem und nachhaltigem Anbau zu verwenden. Dabei will Mars aber nicht mit den anerkannten Organisationen des Fairen Handels zusammenarbeiten, sondern mit „Rainforest Alliance“ und „Utz Certified“, mit denen auch andere Konzerne kooperieren. Eine Mindestpreisgarantie und ein Vorschuss auf die Ernteeinnahmen sind nicht vorgesehen.
Nur das Fairtrade-Siegel, das in Deutschland nicht einmal ein Prozent der verkauften Schokoladenprodukte ziert, zeigt an, dass die Bauern garantiert fair bezahlt werden. Die zertifizierten Bauern erhalten einen Mindestpreis sowie Zusatzprämien, um Gemeinschaftsprojekte im Dorf zu bauen. Nach Einschätzung von Hütz-Adams führten eine Steigerung der Erntemengen sowie der Qualität des Kakaos mittel- und langfristig nicht notwendigerweise zu höheren Einkünften. Im Gegenteil: „Durch die besondere Struktur des Marktes droht bei einer deutlichen Steigerung der Erntemengen ein Preisverfall – und damit eine Verschärfung der Situation der Bauern.“
So begrüßt Friedel Hütz-Adams die Initiative des britischen Schokoladenhersteller Cadbury. Der hat zusammen mit der Organisation Transfair angekündigt, seine Schokolade „Cadbury Dairy Milk“ bis 2013 aus fair gehandelten Bohnen herzustellen. Wenn Cadbury umgestellt habe, seien immerhin 15 Prozent des britischen Kakaobedarfs fair gehandelt, errechnet Hütz-Adams. Ähnliche weitreichende Schritte der deutschen Schokoladenhersteller sind noch nicht in Sicht.
Michaela Ludwig,
agenda
Literaturhinweis:
Die dunklen Seiten der Schokolade: „Große Preisschwankungen, schlechte Arbeitsbedingungen der Kleinbauern“: Studie des Forschungsinstituts Südwind über die Arbeitsbedingungen im Kakaoanbau. Kurz- und Langfassung sind zu finden auf der Südwind Homepage: www.suedwind-institut.de.
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