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05.07.2010

Jeans, Schokoriegel und Bälle ohne Kinderarbeit: Wie fair gehandelte Produkte zu erkennen sind

Mal ist es die Jeans für 9,99 Euro, mal das Flanellhemd für 2,99 Euro: Eltern und Teenager gehen gerne an den Wühltischen der Modeabteilungen auf Schnäppchen-Jagd. „Hauptsache billig“, lautet das Motto vieler Shopper. Und sie werden fündig. Wer solche Preise anbietet, spart jedoch massiv beim schwächsten Glied der Produktionskette: den Arbeitern der Textilzulieferer in Billiglohnländern – darunter oft Kinder und Minderjährige.

Der Textildiscounter KiK etwa warb noch vor kurzem damit, jeden Kunden „von der Socke bis zur Mütze für unter 30 Euro komplett einzukleiden“. Seine „Volks-Jeans“ für 5,99 Euro macht es möglich – obwohl die Produkte durch die Hände mehrerer Arbeiter gingen und rund um den Globus transportiert worden sind.

Besonders eklatante Fälle von Ausbeutung hat Benjamin Pütter, Kinderarbeitsexperte des Hilfswerks Misereor, in In­dien und Bangladesch vorgefunden: In dunklen Kellerverliesen stieß er auf Kinder, die – keine sechs Jahre alt – von Schleppern in die Metropolen entführt worden waren. Dort mussten sie, nach Jahren sklavenähnlicher Haltung sichtlich verhaltensgestört und verwahrlost, Pailletten auf Blusen oder Schmuck­döschen anbringen. Produkte, die in Deutschland über Versandhäuser angeboten wurden, wie das Nachrichtenmagazin Plusminus des WDR nachweisen konnte.

Doch nicht nur die Textilindustrie beutet in Sweatshops Kinder aus, lässt sie Turnschuhe oder T-Shirts zusammennähen. Auch auf Plantagen und in Minen stoßen Hilfsorganisationen immer wieder auf Minderjährige, die – statt in die Schule zu gehen – Bananen oder Orangen für den europäischen Markt pflücken, hochgiftige Insektizide auf Feldern versprühen oder schwere Natursteine für deutsche Pflasterstraßen zerhacken. Tatsächlich konsumieren Kinder und Jugendliche hierzulande tagtäglich Produkte, die von Gleichaltrigen in einem armen Land hergestellt worden sind. Süßigkeiten aus Schokolade etwa – dabei ist die Kakaogewinnung an der ­Elfenbeinküste ein besonders erschreckendes Beispiel für Kinderarbeit: Dort werden rund 40 Prozent der weltweiten Kakaoernte eingefahren – oft von Kindersklaven, die von Menschenhändlern als billige Arbeitskräfte aus den Nachbarländern Mali, Togo oder Burkina Faso an die Elfenbeinküs­te verschleppt worden sind.

Auf Sozialsiegel achten

Aufgeschreckt durch beschämende Berichte über die verheerenden Arbeitsbedingungen in den Zulieferfirmen in Fernost, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa achten immer mehr Verbraucher darauf, dass ein Produkt unter menschenwürdigen und umweltfreundlichen Bedingungen sowie ohne Kinderarbeit hergestellt worden ist. Orientierung bieten mehrere Sozialsiegel wie das Fairtrade-Siegel. Solche Siegel gibt es auf hunderten Produkten, die im Supermarkt ebenso verkauft werden wie im Weltladen. Diese können auch per Internet oder übers Versandhaus geordert werden.

Wöchentlich finden Konsumenten neue Waren, deren Hersteller damit werben, ökologisch sauber und fair erzeugen zu lassen: Selbst in Coffee Houses wie Starbucks, Fast Food Ketten wie McDonalds oder Discountern wie Aldi finden sich einzelne und entsprechend gesiegelte Produkte, die in einem Entwicklungs- oder Schwellenland unter fairen Bedingungen und ohne Kinderarbeit produziert worden sind. Mehr noch: Rund 70 Prozent des Umsatzes mit dem Fairen Handel werden heute in konventionellen Lebensmittelgeschäften, Supermärkten und Discountern erzielt – und nur noch der Rest in Welt- oder Naturkostläden.

Dass immer mehr Produzenten und Händler auf diesen Zug aufspringen, hat einen einfachen Grund: Es lohnt sich für sie. Der ethisch korrekte Handel kommt beim Verbraucher gut an – und beschert den Unternehmen Umsätze in Millionenhöhe. Allein Fairtrade-Produkte verzeichneten 2009 ein Umsatz­plus von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch mit der Zahl neuer sozialer Gütesiegel wird der Label-Dschungel immer undurchdringlicher – und verunsichert Verbraucher zusehends. Ist wirklich immer fair drin, wo fair draufsteht? Skepsis ist durchaus angebracht: Der Begriff „fair“ ist nicht geschützt. Ein Überblick über die seriösen Siegel.
Lebensmittel, Spielzeug etc.

Am bekanntesten sind die Label und Marken des Fairen Handels. Weit verbreitet ist das blau-grüne Fairtrade-Siegel, entwickelt von der Fairtrade Labelling Organizations International (FLO; www.fairtrade.net). In Deutschland vergibt TransFair (www.transfair.org) das Gütesiegel und zeichnet damit nicht nur Lebensmittel wie Tee, Kaffee, Bananen (hier auch www.banafair.de), Schokolade, Kekse, Honig, Reis, Wein oder Orangensaft aus, sondern auch Fuß- und Sportbälle sowie Baumwolle. Der Verbraucher weiß damit, dass sich diese Akteure und Marken an die UN-Kinderrechtskonvention sowie die ILO-Konvention 182 gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit halten. Das Fairtrade-Siegel garantiert Kunden bei Lebensmitteln zudem, dass die Produzenten über einen festgelegten, längeren Zeitraum einen garantierten Mindestpreis für ihre Produkte bekommen. Dieser soll dem Bauern das Existenzminimum garantieren. Darüber hinaus bekommen Bauernkooperativen und Plantagenarbeitergremien von ihren Abnehmern eine Fairtrade-Prämie. Diesen Mehrpreis dürfen die Gruppen frei verwenden. Das Geld kann etwa in eine Schule, eine Krankenstation oder den Bau von Häusern fließen – oder die Umstellung auf Bioanbau finanzieren.

Produkte, die ohne Kinderarbeit entstanden sind, finden sich zudem in allen Weltläden (www.weltladen.de) und den Online-Shops anerkannter Importorganisationen wie Gepa (www.gepa.de), dritte-welt-partner dwp (www.dwp-rv.de), El Puente (www.el-puente.de), Gebana (www.gebana.com) oder Contigo (www.contigo.de). Diese verzichten teilweise auf das Fairtrade-Siegel und beziehen Vasen aus Kenia, Keramik und Schmuck aus Guatemala oder Tee aus Indien direkt von Produzentenvereinigungen.

Kleidung

Ein Gütesiegel für ein fertiges Kleidungsstück, das nicht von Minderjährigen zusammengenäht wurde, gibt es nicht. Die Siegelorganisation TransFair zertifiziert bislang lediglich die Rohbaumwolle. Das Siegel „Fairtrade certified cotton“ garantiert dem Verbraucher aber, dass auf den Baumwollfeldern keine Kinder beschäftigt werden und die erwachsenen Pflücker einen fairen Lohn oder Preis für ihre Ernte bekommen. Laut TransFair halten sich auch die Akteure der nachfolgenden Produktionskette – also die Näher in Bangladesh oder die Konfektionäre in der Türkei – an die ILO-Kernarbeitsnormen. Eine Liste der Anbieter von T-Shirts oder Jeans aus Fairtrade-Baumwolle findet sich unter www.transfair.org/produkte/produktdatenbank. Auch die Fair Wear Founda­tion (www.fairwear.org) nennt auf ihrer Website Textilunternehmen, die Kinderarbeit verbieten. Einen Leitfaden „Sozial-ökologische Mode auf dem Prüfstand“ hat zudem das Südwind-Institut (www.suedwind-institut.de) erstellt. Faire Mode gibt es auch im Weltladen.

Natursteine

Natursteine wie Granit, Sand- und Kalkstein, Marmor, Schiefer und auch Schotter für Fußgängerzonen, Gärten, Terrassen, Friedhöfe oder Küchenplatten stammen zu rund 80 Prozent aus Indien und China. Die schweren und riesigen Steinimporte aus den Lohndumpingländern sind trotz der Transportkos­ten unschlagbar billig. Kinderarbeit ist in vielen Minen noch weit verbreitet. Das Südwind-Institut geht davon aus, dass etwa 15 Prozent der Arbeiter in den Steinbrüchen minderjährig sind. Besonders schlimm ist die Lage in den zig kleinen Minen des informellen Sektors. Das Bild dort ist immer dasselbe: In sengender Hitze bedienen dünne Kinder und Minderjährige oft zu dritt oder viert 40 Kilogramm schwere Presslufthammer und Kompressoren oder schlagen die Steine in mühseliger Handarbeit für 80 Cent pro Tag. Leben die Eltern in Schuldknechtschaft, gibt es überhaupt kein Geld. Dann müssen die Kinder die Kredite mit abzahlen, die ihre Eltern beim Gläubiger gemacht haben – ein Teufelskreis der Armut, dem kaum eine Familie entrinnen kann.

An die Situation der Sklavenarbeiter in Steinbrüchen wird kaum ein Konsument denken, der in Europa im Baumarkt oder Gartencenter nach dem billigsten Angebot für die neue Küchenplatte oder den Terrassenbelag sucht – zumal er im Laden nicht zwingend auf die Herkunft des Gesteins aufmerksam gemacht wird. Doch Verbraucher können Steine kaufen, die nachweislich ohne Ausbeutung von Menschen aus der Erde geschlagen worden sind. Dem Ziel, Kinder- und Sklavenarbeit in den Steinbrüchen der Billiglohnländer auszumerzen, haben sich sowohl der Verein Xertifix (www.xertifix.de) als auch die Initiative Fair Stone des Unternehmens win-win (http:// fairstone.win-win.de) verschrieben. Beide Websites führen die Lizenznehmer, Händler und Steinmetze auf, die in ihrem Sortiment auch fair gesiegelte Natursteine haben.

Blumen

Hierzulande verkaufte Nelken, Rosen, Lilien & Co. werden größtenteils aus Kolumbien, Kenia, Ecuador, Simbabwe und Tansania, zunehmend auch aus China oder Indien eingeflogen. Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind dabei alles andere als fair. In der Regel verdient eine Blumenarbeiterin in Kenia am Tag weniger, als eine Rose bei uns im Laden kostet. Hinzu kommt, dass die Arbeiter – darunter auch viele Minderjährige – auf den Blumenfeldern giftigen Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind. Wer als Verbraucher sichergehen möchte, dass seine Blumen nicht von Kindern geschnitten worden sind, kann sich an zwei Siegeln orientieren: Am Siegel des „Flower Label Programm“ (FLP, www.fairflowers.de) und des Projekts „Fair Flowers Fair Plants“ (http://www.fairflowersfairplants.com). Auch gibt es Rosen mit dem Fairtrade-Siegel.

Beide Siegelorganisationen nennen über eine Internet-Suchmaschine auf ihrer Website alle deutschen Floristen, die fair gehandelte Blumen verkaufen – darunter Rewe ebenso wie Blume 2000.

Teppiche

Wer beim Kauf eines Teppichs da­rauf achten möchte, dass in Indien, Pakistan, Nepal oder Afghanistan kein Kind das edle Stück knüpfen musste, kann sich an zwei Gütesiegeln orientieren: Good Weave und STEP. Good Weave (www.good weave.de) hat 2009 das Rugmark-Siegel ersetzt und wird von TransFair betreut. Der Verein vergibt das Produkt-Siegel an Hersteller und Exporteure, die sich verpflichten, keine Kinder unter 14 Jahren zu beschäftigen, den Erwachsenen gesetzliche Mindestlöhne zu zahlen und in den Knüpfwerkstätten unabhängige und unangekündigte Kontrollen zuzulassen. Unter dem Produktzeichen ist durchaus erlaubt, dass Kinder zu Hause, also in den kleinen Werkstätten der Familien, ein bis zwei Stunden am Tag am Webstuhl mithelfen – solange sichergestellt ist, dass sie die Schule besuchen. Das Gütesiegel STEP (www.label-step.org) hingegen ist ein Firmensiegel. Kriterien sind: keine Kinderarbeit, faire Einkaufspreise und Löhne. Partner beider Teppich-Initiativen finden sich auf der jeweiligen Website. Ein weiterer Anbieter ist Rug Star Berlin (www.rugstar.com). Als wenig transparent gilt das branchen­eigene Etikett der Teppichimporteure „Care & Fair – Teppichhandel gegen Kinderarbeit e.V“ (www.care-fair.org).

Martina Hahn,
Redakteurin „Sächsische Zeitung“

Tipps zum Einkauf

Lebensmittel und Spielzeug
Eine Übersicht, wo Kinderarbeit vorkommt, findet sich im Internet unter www.worldmapper.org einer Sammlung von rund 200 Weltkarten zu bestimmten Themen wie Armut oder Bevölkerungsentwicklung.
Die Anbieter von Fair­trade-Produkten werden im Internet unter www.transfair.org/produkte/fair-einkaufen genannt.
Eine Liste von Spielzeugherstellern und Händlern, die für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in den Zulieferfirmen sorgen, hat die Kampagne „fair spielt“ (www.fair-spielt.de) zusammengestellt.

Kleidung
Zur Orientierung gilt: Weder das Etikett „Made in Germany“ noch ein hoher Preis der Kleidung garantieren dem Verbraucher, dass bei der Herstellung keine Kinderarbeit mit im Spiel war. Und: Billig ist automatisch unfair. Man muss kein Rechenkünstler sein, um zu ahnen, wie wenig bei einem Hemd unter vier Euro beim Näher bleibt.
Weitere Infos über die Kampagne für saubere Kleidung unter www.saubere-kleidung.de.

Natursteine
Die Verhaltens-Kodizes vieler Natursteinhändler, Baumärkte oder Küchenhersteller sind mit Vorsicht zu genießen: Nachvollziehbare und -kontrollierbare Infos über Produzenten oder Lieferwege bekommt der Kunde fast nie. Viele verweisen auf „kinderfrei“-Garantien, die sie von den Zulieferern schriftlich erhalten haben – doch „in Indien kann man für ein paar Cent jedes Zertifikat kaufen“, sagt Kinderrechtsexperte Benjamin Pütter.


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