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/ Jahrgang 2010
/ 09/2010
/ Schwerpunkt 09-2010: Lebenschancen Jugendlicher
Lebenschancen: DobischatZwar werden zurzeit weniger junge Menschen in Warteschleifen geparkt, von einer Entwarnung kann jedoch keine Rede sein. Nach Ergebnissen des jüngst vorgelegten Nationalen Bildungsberichts erreicht jeder dritte Jugendliche nach Ende seiner Schulzeit weder eine duale noch eine schulische Berufsausbildung. In Zahlen ausgedrückt: 2008 mussten 398 000 Jugendliche notgedrungen ins Übergangssystem „ausweichen“ und mündeten dort in verschiedene Bildungsgänge ein. Allen Maßnahmen gemeinsam ist, dass sie unterhalb eines anerkannten Berufsabschlusses liegen und primär das Ziel verfolgen, individuelle Kompetenzen zu verbessern oder schulische Abschlüsse nachzuholen.
Über die Ursachen und die „Sortierlogik“ des Übergangssystems wird seit Jahren heftig in Politik und Wissenschaft debattiert. Nach Lösungen für die richtige lebensbiografische Übergangspassage (z. B. regionales/kommunales Übergangsmanagement) wird weiter gesucht. Themen wie die eingeschränkte Integrierbarkeit Jugendlicher mit herkunfts- und qualifikatorischen „Defiziten“ ins duale System und die damit verknüpfte Perspektive drohender prekärer Beschäftigung bestimmen den Diskurs. Inwieweit die Vorwürfe individueller Exklusion von Lebenschancen, die speziell das Übergangssystem mit verursacht, berechtigt sind, lässt sich nur anhand der Realität überprüfen. Zu klären ist, ob die Teilnahme an Maßnahmen sich positiv auswirkt und ob sie eine zweite Chance eröffnet, berufliche Startbedingungen zu verbessern.
Studie zur Berufsbiografie
Dieser Frage ist das BIBB 2009 mit einer repräsentativen empirischen Studie nachgegangen und hat Jugendliche, die nach Ende der Schule eine Maßnahme absolvierten, zum Verlauf ihrer Bildungs- und Berufsbiografie befragt. Die Befunde zeigen, dass die Hälfte der jungen Erwachsenen sofort und relativ problemlos in eine klassische berufliche Ausbildung im dualen System wechselte. Ein anderer Teil erhielt ebenfalls relativ schnell eine nicht-betriebliche (schulische) Ausbildung. Die Restgruppe wies die typischen Probleme beim Übergang auf, wobei ein Teil ohnehin nur die Option hatte, einen höheren Schulabschluss zu erwerben. Dennoch: Die meisten hatten erhebliche Probleme, einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Sie mussten längere Wartezeiten in Kauf nehmen, die sie oft mit Maßnahmekarrieren überbrückten. Sie werden laut BIBB-Studie als der problematische Übergangstyp charakterisiert. Zu diesem zählen 20 bis 30 Prozent der befragten Teilnehmenden. Ein knappes Drittel hat also auch drei Jahre nach der Übergangsmaßnahme keine Berufsausbildung aufgenommen.
Von ähnlichen Übergangsproblemen berichtet eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zur Evaluation berufsvorbereitender Bildungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Danach konnten nach Maßnahmeabschluss nur 28 Prozent im Westen und lediglich zehn Prozent der „Problemjugendlichen“ im Osten eine betriebliche Berufsausbildung anschließen. Dabei erwiesen sich die betrieblichen Praktika als besonders wirksam für die Integration.
Die vom BIBB wie auch vom IAB skizzierten Berufsverläufe zeigen, dass der Erfolg bzw. eine Integration in eine Anschlussausbildung nach besuchten Maßnahmen im Übergangssystem sehr stark vom Niveau der erworbenen schulischen Qualifikation abhängt und ein Migrationshintergrund eine zusätzliche Belastung ist. Das heißt, die bekannten Handicaps, die sich bereits bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz als wesentliche Erfolgsbarriere herausstellten, bestehen weiterhin. Immerhin verspricht der Abschluss zumindest für den Einzelnen eine gewisse Aussicht, in eine qualifizierende Berufsausbildung zu kommen, wenn höherwertige Schulabschlüsse vorliegen bzw. diese nachträglich erworben wurden.
Auch nach einer gelungenen Berufsqualifikation bleibt der Weg in die Erwerbstätigkeit risikoreich. In einer Untersuchung von Berufsverläufen nach Ausbildungsabschluss hat das BIBB festgestellt, dass zwar die Mehrheit der Absolventen als am Arbeitsmarkt integriert gelten können, für jeden Dritten verläuft der Einstieg jedoch prekär (unstete Berufstätigkeit und Arbeitslosigkeit).
Ein weiterer Aspekt an der zweiten Schwelle betrifft das Einkommen und die Beschäftigung in einem der Ausbildung entsprechenden Beruf. Der Bericht „Bildung in Deutschland 2010“ stellt fest, dass die Verdienstmöglichkeiten sehr unterschiedlich sind. Geringe Gehälter werden eher im Bereich personenbezogener Dienstleistungen gezahlt. Auch im Handwerk wird deutlich weniger verdient als in den klassischen industriellen Fachkräfteberufen wie auch in den Kernbereichen der kaufmännischen Ausbildungsberufe. Frauen erzielen im Durchschnitt ein niedrigeres Einkommen (rund 14 Prozent) als Männer. Der Bildungsbericht verweist zudem darauf, dass ein Drittel der beruflichen Ausbildungsabsolventen ein Jahr nach Abschluss keine Beschäftigung im erlernten Beruf erhalten haben, Männer sind eher betroffen als Frauen (40 zu 26 Prozent).
Künftige Herausforderungen
Vor welchen berufsbildungspolitischen Herausforderungen steht die Politik? In den nächsten Jahren werden sich die Chancen am Ausbildungsstellenmarkt zwar leicht verbessern, das Übergangssystem wird aber weiterhin – wenngleich auf sinkendem quantitativen Niveau – Bestand haben und in den nächsten Jahren die Last so genannter Altbewerber mittragen müssen. Auf ein Verschwinden dieses Systems können wir den Prognosen zufolge erst weit jenseits des Jahres 2020 hoffen. Daher bleibt es eine schwierige Aufgabe, wie den Schulabgängern mit besonderen Problemlagen in den kommenden Jahren vielleicht doch eine berufliche und damit eine Lebensperspektive ermöglicht werden kann. Deshalb ist nicht nur nach der „zweiten Chance“ zu fragen, sondern vor allem die erste von der Politik einzufordern.
Solange aber Stellen für alle Ausbildungsinteressierten fehlen, solange eine marktorientierte „Sortierlogik“ mit einem unzumutbaren Stafettenlauf greift und die Jugendlichen als „berufs- und ausbildungsunreif“ abstempelt, solange bleiben die hinlänglich bekannten und gebetsmühlenhaft vorgetragenen Forderungen nach mehr öffentlicher Finanzierung außerbetrieblicher und schulischer Ausbildung in anerkannten Strukturen, verbunden mit einer frühzeitig einsetzenden Berufsorientierung, relevant. Das ist und bleibt sozialpolitisch geboten.
Rolf Dobischat,
Bildungsforscher und Präsident des Deutschen Studentenwerks (DSW)
Literatur:
- Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hg.) (2010): Bildung in Deutschland 2010. Bielefeld.
- Beicht, U. (2009): Verbesserung der Ausbildungschancen oder sinnlose Warteschleifen. BIBB-Forschungsreport, Nr. 11, Bonn.
- Dobischat, R. (2010): Schulische Berufsbildung im Gesamtsystem der beruflichen Bildung. Herausforderungen an der Übergangspassage von der Schule in den Beruf. In: Bosch, G./Krone, S./Langer, D. (Hg.): Das Berufsbildungssystem in Deutschland, Wiesbaden, S. 101-131.
- Dorau, R. (2010): Duale Berufsausbildung und berufliche Integration in den ersten drei Jahren nach Ausbildungsabschluss. http://www.bwpat.de/
ausgabe18/dorau_bwpat18.pdf.
- Pflicht, H. (2010): Das neue Fachkonzept berufsvorbereitender Bildungsmaßnahmen der BA in der Praxis. IAB-Forschungsbericht 7. Nürnberg.
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