03.09.2010

Den Daten müssen Taten folgen: KMK legt Leistungsvergleich der Länder vor

Mitte Juni hat die Kultusministerkonferenz (KMK) den ersten „selbstgestrickten“ Bundesländervergleich veröffentlicht, in dem sie die Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss in den Fächern Deutsch und erste Fremdsprache (Englisch/Fran­zösisch) überprüfte. Er löst die bisherigen Ländervergleiche auf der Basis der internationalen PISA- und IGLU-Studien ab. Allerdings sind die Testaufgaben so konstruiert, dass sie den Vergleich mit den PISA- und IGLU-Ergebnissen ermöglichen sollen. Wenig Neues weisen die Befunde auf. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich Bemerkenswertes und auch Schockierendes.

Die Ergebnisse des ersten Bun­desländervergleichs der KMK-Standards sind wenig spektakulär – zumindest, wenn man die Mittelwerte in der Lesekompetenz betrachtet. Mit Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg liegen – wie immer – drei südliche Bundesländer signifikant über dem bundesdeutschen Durchschnitt und vier signifikant da­runter: die drei Stadtstaaten und Brandenburg. Bei der Abhängigkeit eines Gymnasialbesuchs von der sozialen Herkunft der Schüler verhält es sich eher umgekehrt. Da liegen Bayern und Baden-Württemberg mit geradezu skandalösen Werten auf den letzten Rängen und Berlin, Bremen, Hamburg und Brandenburg stehen gut da. Was allerdings den bayerischen Kultusminister und derzeitigen KMK-Präsidenten Ludwig Spaenle sowie den Ministerpräsidenten des Freistaats, Horst Seehofer (beide CSU), nicht daran hinderte, mit euphorischen Pressemitteilungen der gesamten Republik das bayerische Schulwesen zur Nachahmung zu empfehlen – ungeachtet seiner Spitzenreiterrolle in sozialer Ungerechtigkeit.

Bei den Ergebnissen gibt es also – vordergründig betrachtet – nichts Neues. The same procedure as every year. So jedenfalls müssen es die bundesweiten Medien gesehen haben. Kein Vergleich mehr mit den Schockwellen, die die ers­ten PISA-Ergebnisse hervorgerufen haben.

Doch Bemerkenswertes

Dabei gibt es durchaus Bemerkenswertes und Schockierendes zu berichten. Das Bemerkenswerte zuerst: Auch ansonsten leistungsstarke östliche Bundesländer wie Sachsen weisen vor allem beim Hörverstehen in Englisch erhebliche Schwächen auf, Hamburg überrascht beim Hörverstehen (Englisch) mit guten Werten. Oder: Die geringsten Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen sind in den Stadtstaaten und im Saarland zu finden.

Schockierend und wenig beachtet ist jedoch dies: In einigen Bundesländern erreichen zirka 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den nicht-gymnasialen Bildungsgängen die KMK-Regelstandards in der ersten Fremdsprache nicht. Wie will die KMK damit umgehen? Die Standards senken, in einigen Bundesländern in Kauf nehmen, dass weniger Mittlere Abschlüsse erreicht werden oder sollen die Standards unverbindliche Orientierungswerte bleiben? Ein ebenso hochbrisantes wie ungelöstes Problem!

Schockierend und wenig beachtet ist auch dies: Ein Vergleich mit den PISA-Ergebnissen für das 9. Schuljahr im Jahr 2000 legt offen, dass es in vielen Bundesländern keinerlei substanzielle Verbesserungen in der Lesekompetenz gegeben hat, obwohl seit Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse 2001 ja nun wahrlich genügend Zeit gewesen wäre, einem kompletten Schülerjahrgang eine intensive Leseförderung angedeihen zu lassen. Die Spitzenreiter Bayern und Baden-Württemberg erreichen 2008/2009 sogar weniger Punkte als 2001. Und dass sich auch an der Abhängigkeit der Schulleistung und des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft der Schüler seither nichts geändert hat, verstärkt die vorhandene Skepsis.

Systemmonitoring sollte das Schulwesen permanent verbessern. Wenn es lediglich den Anlass zu eitlen Politschautänzen liefert, verliert es vollends seinen Sinn. Den Daten müssen endlich überzeugende Taten folgen, nämlich massive Investitionen in die Lehrer(fort)bildung und in die individuelle Förderung sowie plausible Strategien, die gezieltes Handeln ermöglichen.

Marianne Demmer,
Leiterin des GEW-Organisationsbereichs Schule

Olaf Köller, Michel Knigge, Bernd Tesch (Hrsg.): Sprachliche Kompetenzen im Ländervergleich. Waxmann 2010, Münster/New York/München/Berlin.
Informationen und Kurzfassung auch unter: www.iqb.hu-berlin.de/LV0809 und http://www.gew.de/Magere_Ergebnisse_fuer_die_Bildungsrepublik.html

Leistungsvergleich der Länder
Der Bundesländervergleich beruht auf einer Stichprobe 9. Klassen aller allgemein bildendenden Schulen. Er ist keine Lernstandserhebung wie VERA 3 und 8, sondern soll ein von den internationalen Vergleichsstudien unabhängiges Qualitätsmonitoring in Deutschland etablieren. Zudem sollen die Voraussetzungen für zentrale bundesweite Abschluss­prüfungen geschaffen werden sowie die Möglichkeit, (positive) Länder­ergebnisse vor den eher negativen Schlagzeilen des internationalen Vergleichs bekanntzugeben.

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