Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
05.07.2010

Vom Krieg gezeichnet: Kindersoldat in Sierra-Leone

Nach Schätzungen des Bündnis' Kindersoldaten gibt es 250.000 Kindersoldaten in 14 Ländern. Moussa Camara* war sieben Jahre alt, als ihn sierra-leonische Rebellenverbände als Kindersoldaten zwangsrekrutierten.

Sein Körper ist ein offenes Buch, das die Geschichte des sierra-leonischen Bürgerkriegs erzählt. Der kleine runde Krater auf der Stirn berichtet von der Kugel, die ihn auf der Flucht traf. Die Narben an den Beinen zeugen von eiternden, unbehandelten Wunden aus den Gefechten, von Gewaltmärschen durch den Busch und der Knochenarbeit in den Diamantenminen. Die Schnitte, die sich um seinen Bauch ziehen, von Folter.

Moussa Camara ist ein Kriegsveteran, gerade einmal 25 Jahre alt. Er war sieben Jahre, als sein Heimatdorf im Osten des Landes überfallen wurde. Die Rebellen der Revolutionären Vereinigten Front, RUF, ermordeten die Dorfbewohner, unter ihnen Moussas Eltern und sein jüngerer Bruder. Den Siebenjährigen schleppten die Rebellen mit sich in den Busch, wo sie ihn zu einem willenlosen, von Drogen betäubten Mordwerkzeug abrichteten. „Wenn wir den Befehl erhielten, mussten wir die Türen der Hütten eintreten oder mit Handgranaten sprengen. Wir sind dann rein, haben nicht geguckt, wer dort ist, einfach nur schießen und töten“, erzählt Moussa. „Manchmal haben wir den Frauen und Kindern mit Messern die Hand oder den Kopf abgeschnitten.“

Sieben Jahre zog er mit seiner Einheit durch das Land, kämpfte gegen die Regierungstruppen, überfiel Dörfer, verstümmelte Zivilisten. Zwischen den Kampfeinsätzen wurden die Kinderkrieger in die Diamantenminen im Osten geschickt. Dort schürften sie die wertvollen Steine, die die Kriegsherren über die Grenze nach Liberia schmuggelten, um neue Waffen zu kaufen. So finanzierten sie den elf Jahre dauernden Krieg, der erst 2002 endete.

Vogelfrei
Nach einem der unzähligen Gefechte wurde Moussa von Regierungssoldaten festgenommen und schwer gefoltert, bis er schließlich verriet, wer zu seiner Einheit gehörte und wie sie operierten. Da eroberten die Rebellen das Camp zurück. Moussa war nun vogelfrei: Als Verräter drohte ihm das Todesurteil.

Doch er konnte fliehen. Bewaffnet mit seinem Maschinengewehr schlug sich der Junge durch den afrikanischen Busch. Die Menschen, die er unterwegs traf, fürchteten sich vor ihm. „Ich habe gestunken und war wie ein Tier. Ich habe sie gerufen und ihnen gesagt, dass ich jetzt wie sie bin und nicht mehr töte.“ Er schaffte es bis an die Küste. Wie er von dort nach Deutschland kam, darüber möchte er nicht sprechen.

Moussa konnte dem Tod entfliehen, doch seine Geschichte wird er nicht los. Die ist eingraviert in seinen schmächtigen Körper. Für ewig lesbar. Als er nach Hamburg kam, war er 15 Jahre alt. Er wohnte in einer Wohnung für unbegleitete Flüchtlingskinder. Bei einem Schwimmausflug sahen andere Jugendliche den verstümmelten Körper. „Alle haben gelacht. Da habe ich erzählt, das ich nicht so sein will, dass es vom Krieg kommt“, sagt Moussa. Immer wieder musste er über die Erinnerungen, die Bilder in seinem Kopf sprechen. Wie getrieben, als versuche er, ihnen auf diese Weise zu entkommen. Vor allem dem schlechten Gewissen, den Blicken seiner Opfer. „Das war ganz schlimm. Ich wollte es nicht tun, aber ich musste. Sonst hätten die Rebellen mich getötet.“ Anfangs kamen sie jede Nacht, ließen ihn keine Ruhe finden.

Seine Hände konnten ein Maschinengewehr laden, aber keinen Stift halten. Zwei Jahre lernte er lesen und schreiben in einer Alphabetisierungsklasse. Er besuchte die Therapie der Hamburger Flüchtlingsambulanz. Sein Therapeut wird später sagen, dass Moussa der am schwersten traumatisierte Mensch sei, der ihn je aufgesucht habe.

Überlebt

Doch Moussa hat überlebt. Seit zehn Jahren ist er nun in Deutschland. Er führt ein bescheidenes Leben in seiner kleinen Einzimmerwohnung. Es gehe ihm gut, sagt er, und er sei dankbar: „In Deutschland bin ich sicher.“ Gemeinsam mit seinem gesetzlichen Betreuer hat er einen Antrag auf Einbürgerung gestellt.

Drei Stunden fährt er täglich zur Arbeit im Lager einer Schraubenfabrik. Dort stellt er die Bestellungen der Kunden zusammen. Sorgfältig, genau. Er hat früh gelernt, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen, das wird sich niemals ändern. Wenn er nach der Arbeit nicht zu müde ist, kämpft sich der ehemalige Analphabet durch die Bücher, die seine ehemaligen Betreuer ihm gekauft haben. Schulbücher, Sachbücher über Natur oder Tiere. Lexikoneinträge über Deutschland und seine Geschichte. „Aber nicht über den Krieg“, wirft er schnell ein. Er möchte vergessen.

Moussa hat aufgehört, seine Geschichte zu erzählen, es treibt ihn nicht mehr. „Die Bilder kommen noch immer hoch, aber nicht mehr so oft“, sagt er und der Blick hängt irgendwo in der Ferne. „Sie werden wohl nie verschwinden. Aber vielleicht schaffe ich es irgendwann, mit ihnen zu leben.“

Michaela Ludwig,
agenda

Mitreden

Dazu haben Sie etwas zu sagen? Dann schreiben Sie einen Kommentar und lesen Sie, was andere geschrieben haben Mitreden!

 


Mitreden!



Kommentare:

Bisher wurde keine Kommentare abgegeben.


Kommentar abgeben:



(wird nicht veröffentlicht)





 9390


   
/ zum Seitenanfang