03.09.2010

„Mehr Männer in die Kitas“: Fragwürdiges Modellprogramm des Bundesfamilienministeriums

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hat ein neues Thema entdeckt: die Gleichstellung von Männern in typischen Frauenberufen wie der Erzieherin. Dazu hat Schröder auch ein „verheißungsvolles“ Programm aufgelegt: „Männer in Kitas“.

Gewiss, Frauen dominieren das Geschäft in Kindertagesstätten (Kitas) mit einem Anteil von 97,6 Prozent. Gerade einmal 7980 Erzieher stehen 330 317 Erzieherinnen gegenüber. Bereits 1996 hat das „EU-Netzwerk Kinderbetreuung“ empfohlen, dass 20 Prozent des Personals in Kitas Männer sein sollten.

Ein auf zwei Jahre angelegtes Modellprogramm soll jetzt Abhilfe schaffen. Es fußt auf einer Studie, die von Michael Cremers, Jens Krabel, Stephan Höyng und Marc Callenbach von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin erarbeitet worden ist. Danach ergab eine Analyse der Daten, dass in den südlichen und östlichen Bundesländern der Männeranteil besonders gering ist. An der Spitze stehen die Bundesländer Hamburg mit 7,7 Prozent, Bremen mit 6,8 Prozent und Schleswig-Holstein mit 4,3 Prozent. Schaut man genauer hin, kann man feststellen, dass es einen ­Zusammenhang von Qualifikationsniveau, Stellenprofil und Männeranteil gibt. So sind die Männer in Bremen in der Regel akademisch geschulte Integrationserzieher, in Hamburg vor allem Leitungskräfte. Der bemerkenswerte Männeranteil in Schleswig-Holstein resultiert aus den Kindergärten in Trägerschaft dänischer Organisationen, in denen es vorgeschrieben ist, dass Erzieher eine akademische Ausbildung nachweisen müssen.

Arbeitslose gesucht

Auf einer Tagung des Bundesfamilienministeriums (BMFSFJ) im Juli zur Einführung des Schröderschen Modellprogramms relativierte Staatssekretär Josef Hecken die Befürchtung, man würde als Erzieher zu wenig verdienen. Er wies darauf hin, dass das Gehalt der Erzieherin nur um 39 Euro unter dem Gehalt des Kfz-Mechatronikers läge. Gegen­über anderen typischen Männerberufen wie Fleischer, Bäcker oder Koch würden sich Erzieher also deutlich besser stellen. Abgesehen davon, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden, weil man die Vergütungen des Fachschulberufs Erzieherin mit anderen Fachschulberufen vergleichen müsste und dabei zu dem Ergebnis käme, dass die Erzieherin gegenüber dem Techniker in der Metall- und Elektroindustrie bis zu 900 Euro weniger verdient, ist er dennoch aufschlussreich: Er weist nämlich den Weg zur angestrebten Zielgruppe des Programms „Mehr Männer in Kitas“. Offenbar gibt Politik den Wettbewerb um gute Realschüler und Abiturienten auf und versucht erst gar nicht, diese von einer qualifizierten und zukunftsreichen Ausbildung abzubringen. Stattdessen schaut man in klassische, überproportional von Männern ausgeübte Gesellenberufe des Hand­werks und verspricht sich dort Potenzial für eine erfolgreiche Kita-Werbekampagne. Zweifellos ist es möglich, Handwerker für eine Umschulung zum Erzieher zu gewinnen. In Einzelfällen können daraus gelingende berufliche und persönliche Perspektiven entstehen, die aus der Arbeitslosigkeit führen und für alle Seiten ein Gewinn sind.

Qualifizierte Bildungsorte

Aus erfolgreichen Einzelbeispielen aber programmatische Politik zu entwickeln, hält die GEW grundsätzlich für falsch. Kindertagesstätten sind längst keine Betreuungseinrichtungen mehr, sondern hochqualifizierte Bildungseinrichtungen. Was in der Kita geschieht und wie gut die pädagogische Qualität ist, hängt sehr stark von den Beschäftigten ab. In den vergangenen 15 Jahren wurde enorm in Qualifizierung, Fort- und Weiterbildung investiert. Mittlerweile gibt es rund 150 Studiengänge, in denen sich Interessierte mit unterschiedlichen Schwerpunkten für Aufgaben in der frühkindlichen Pädagogik qualifizieren können. Das Programm „Mehr Männer in Kitas“ droht, diesen Trend zu gefährden. Nicht weil Männer per se für gute Pädagogik mit den Jüngsten ungeeignet wären. Das Programm ist aber darauf angelegt, Männer anzuwerben, die beruflich im Prinzip auf die klassischen gewerblich-technischen Berufe orientiert sind. Deren Kenntnisse und Abschlüsse reichen für den erfolgreichen Besuch einer Fachschule für Sozialpädagogik nicht aus. Jetzt den Weg einzuschlagen, arbeitslose Männer in Schnellkursen bei privaten Bildungsträgern, die außerhalb des etablierten Fachschulsystems stehen, auf eine Externenprüfung vorzubereiten und ihnen auf diese Weise ein Erzieherexamen zu vermitteln, löst nicht nur in Fachkreisen Kopfschütteln aus. Wie sollen Erzieher in der Praxis „ihren Mann stehen“, wenn sie mit einer Sofortmaßnahme zwar eine Qualifikation erworben, aber elementare Kompetenzen nur kurz gestreift haben? Der Weg für Männer in die Kita kann nicht über kurzfristige, mangelhafte Ausbildungen führen, sondern nur über eine das ganze System und alle Beteiligten einbindende Strategie: von der Berufsinformation in der Schule bis zur Verbesserung des Einkommens, von der akademischen Ausbildung bis zur Entwicklung von Berufskarrieren, vom gesellschaftlich besseren Image der Erziehungsarbeit bis zu vollen und unbefristeten Stellen.

Bernhard Eibeck,
Referent im GEW-Organisationsbereich Jugendhilfe und Sozialarbeit

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