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/ Jahrgang 2010
/ 07-08/2010
/ Schwerpunkt 07-08/2010: Kinderarbeit
Kinderarbeit: Wieczorek-Zeul E&W: Das Engagement, Kinderarbeit weltweit abzuschaffen, war bislang wenig erfolgreich. Ist das Ziel falsch gewählt?
Heidemarie Wieczorek-Zeul: Ganz sicher nicht. Wir wollen ja auch die Armut überwinden. Dass auch das bisher nur in Maßen gelungen ist, spricht nicht gegen das Ziel, sondern dafür, dass es größere Anstrengungen geben muss. Und wer würde sagen, dass beispielsweise Sklaverei und Schuldknechtschaft bei Kindern, Kinderprostitution oder Kindersoldaten hinnehmbar sind?
E&W: In armen Ländern tragen arbeitende Kinder häufig einen wichtigen Teil zum Familieneinkommen bei. Schadet in solchen Fällen ein generelles Verbot?
Wieczorek-Zeul: Zum einen leisten laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von weltweit 215 Millionen arbeitenden Kindern 115 Millionen ausbeuterische Kinderarbeit. Zum anderen geht es doch darum, auch den ärmsten Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Wir müssen deshalb an den normativen Standards der ILO festhalten und zugleich in der Praxis die Bedingungen für Kinder verbessern. Es gibt ja bereits Initiativen, mit denen man Einfluss nehmen kann, etwa das Konzept der „Corporate Social Responsibility“, also der verantwortlichen Unternehmensführung. Oder denken Sie an den Fairen Handel, der das Ziel hat, Kinderarbeit zu beseitigen und soziale Standards zu stärken. Wir haben zudem das deutsche Vergaberecht so verändert, dass Kommunen soziale und ökologische Kriterien berücksichtigen können und zum Beispiel nicht mehr die billigsten Pflastersteine kaufen müssen, die von blutenden Kinderhänden geklopft wurden. Und seit einiger Zeit gibt es den Fair World Fonds, der faire Geldanlagen ermöglicht. Bei all diesen Initiativen geht es um das gleiche Ziel: zu verhindern, dass Kinder schuften müssen, und dazu beizutragen, dass sie für die Zukunft lernen und einen Stift nutzen können statt eines Gewehres.
E&W: Soll man bei der Suche nach geeigneten Schritten gegen Kinderarbeit mehr auf die betroffenen Kinder hören?
Wieczorek-Zeul: Das ist eine zwiespältige Sache. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einer Kinderinitiative aus Lateinamerika, die sich vehement für ihr Recht auf Arbeit aussprach. Da habe ich erst einmal nach Luft gerungen. Denn wie multinationale Bergbau- oder Ölförderunternehmen mit einem solchen Anspruch auf Kinderarbeit in der Praxis umgehen würden, kann man sich leicht ausmalen. Ein anderes Beispiel: Vor drei Jahren war ich in Lima in Peru und habe ein Projekt von Misereor besucht. Sie versuchen, ausbeuterische Arbeit zu verhindern, zum Beispiel zu verhindern, dass Kinder aus der Müllhalde eines Krankenhauses Spritzen und andere Sachen „recyclen“ und sich damit ihren Lebensunterhalt „sichern“ wollen. Da gab es richtige Konflikte, weil einige Kinder sagten, sie wollten das weiter tun, obwohl sie ihr Leben gefährden. Wir dürfen das nicht zulassen. Misereor will den Familien Alternativen anbieten.
E&W: Hat das Problem in der internationalen Entwicklungspolitik einen ausreichend hohen Stellenwert?
Wieczorek-Zeul: Ich habe als Entwicklungsministerin dazu beigetragen, dass die Kernarbeitsnormen der ILO in der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Staaten, aber auch in den Geschäftsbeziehungen der Weltbank verankert sind. Und natürlich zielen auch die UN-Millenniumsziele auf die Beseitigung der Kinderarbeit. Ich fürchte allerdings, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise dem Trend, Kinder von der Arbeit zu befreien und in Bildung und Schule zu bringen, massiv entgegenwirkt – weil etwa Entwicklungsländer ihre Etats für Bildung kürzen müssen. Das wäre katastrophal. Der Ausbau von Bildungsmöglichkeiten muss Priorität haben. Wir müssen dazu beitragen, dass dafür die Finanzmittel zur Verfügung stehen.
E&W: Tut die Entwicklungspolitik genug für Bildung?
Wieczorek-Zeul: Bei den Millenniumszielen, die die Bildung betreffen, gibt es passable Fortschritte – sowohl was die Einschulungsraten insgesamt als auch das Verhältnis von eingeschulten Jungen und Mädchen angeht. Wir dürfen jetzt nur nicht nachlassen in unseren Bemühungen. Die schlimme Phase war ja in den 1990er-Jahren, als die Entwicklungsländer im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme verpflichtet wurden, ihre Ausgaben zu reduzieren und beispielsweise Schulgebühren zu erheben. Das ist genau das Gegenteil dessen, was die Millenniumsziele heute anstreben. Die Gefahr ist groß, dass es da Rückschläge gibt.
Interview: Tillmann Elliesen, Redakteur welt-sichten, Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit
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