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/ Jahrgang 2010
/ 09/2010
/ Schwerpunkt 09-2010: Lebenschancen Jugendlicher
Lebenschancen: FritscheDervis grinst zur Seite und drückt den Schraubendreher tiefer in den Stoff seiner Arbeitshose. „Ich hab’ das am Anfang nicht so ernst genommen und zu viel rumgealbert. Aber jetzt will ich es packen und den Hauptschulabschluss machen.“ Der 16-Jährige ist wie die meisten seiner derzeit 44 jungen Kollegen und Kolleginnen im standardisierten Schulbetrieb nicht zurecht gekommen. Seit einem Jahr bereitet er sich an der Produktionsschule Altona auf einen Einstieg in eine Ausbildung vor, arbeitet in der Tischlerei an Aufträgen für „echte Kunden“, hat zwei Stunden am Tag Unterricht in Mathematik, Deutsch sowie Englisch und geht jeden Mittwoch zum Betriebspraktikum. Heute beginnt der Tag mit der Besprechung in der Schul-werkstatt. Tischlermeister Hajo Liebig erklärt, was der nächste Kunde, ein Hamburger Theater, braucht und wie lange das Team dafür Zeit hat. Nicht nur Dervis, sondern auch Kevin, Emre und Bobby, die erst seit drei Wochen an der Produktionsschule sind, wissen, dass sie den anspruchsvollen Auftrag nicht schaffen werden, wenn sie – wie früher in der Schule – einfach schwänzen. Wer fehlt, bekommt am Ende des Monats nicht die vollen 150 Euro als monatliche „Aufwandsentschädigung“* ausbezahlt. Viel wichtiger ist aber: Hier wird jeder gebraucht. Übrigens: Das Geld, das die Werkstätten durch die Teilnehmenden erwirtschaften, fließt nicht als Entgelt an die Schüler, sondern in die Infrastruktur der Schulen.
Produktionsschulen in Hamburg sind Einrichtungen der Berufsvorbereitung für schulpflichtige Jugendliche, die, so die behördliche Beschreibung, „nicht über die erforderliche Betriebs- und Ausbildungsreife verfügen und von denen zu erwarten ist, dass sie die schulischen Angebote der Berufsvorbereitung nicht annehmen werden“. Dervis und all die anderen 15- und 16-Jährigen sollen eine Basis für eine qualifizierte Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt bekommen. Dafür entwickeln und vermarkten sie gemeinsam mit Werkstattleitern und -pädagogen Produkte sowie Dienstleistungen und üben sich in Handwerk, Betriebs- und Lernalltag.
Nicht „zwangsverdonnert“ Die schulpflichtigen Jugendlichen, die die allgemein bildenden Schulen aus unterschiedlichen Gründen ohne Zeugnis verlassen, werden von Behörden oder Lehrkräften nicht zum Besuch der Produktionsschule „zwangsverdonnert“: Sie kommen freiwillig (s. Kasten auf Seite 7). „Ich habe von einem Freund gehört, dass das hier eine coole Schule ist“, sagen fast alle. Die meisten machen sich auf der Internetseite schlau (www.psa-altona.de), schicken eine Mail, bekommen fast umgehend einen Termin für ein Gespräch und können anschließend in einer Probewoche abtasten, ob sie sich vorstellen können, ein paar Monate zu bleiben. Wer schon in der ersten Woche zu oft fehlt, fliegt raus. Wer bleibt, unterschreibt eine Vereinbarung, um in der Kantine, der Tischlerei oder im Bereich Medien und Verwaltung ein Arbeitsfeld kennenzulernen, in dem er tätig ist und lernt. Am Ende, so der optimistische Plan, soll jede und jeder in der Lage sein, eine Ausbildung zu beginnen.
Die erste ihrer Art
Die Produktionsschule in Altona war die erste ihrer Art in Hamburg und die zweite in Deutschland, nur Kassel war damals schneller. Ihr Leiter Thomas
Johanssen hatte nach viel Frust als Berufschullehrer an staatlichen Schulen zehn Jahre lang gemeinsam mit anderen Praktikern aus der beruflichen Bildung nach neuen Wegen gesucht aus dem, wie er sagt, „sinnlosen Kampf zwischen Lehrern und Schülern“. In Dänemark wurde Johanssen fündig: Dort hatten reformpädagogische Arbeitsschulen spezielle Angebote für Jugendliche ohne Schulabschluss und Ausbildungsmöglichkeit entwickelt. Diese waren bereits 1985 gesetzlich abgesicherter Teil des dänischen Regelschulsystems geworden. Heute, 25 Jahre später, gibt es bundesweit, vor allem in Norddeutschland, 45 Produktionsschulen nach dänischem Vorbild, die sich zum Bundesverband zusammen geschlossen haben (www.bv-produktionsschulen.de). Allein in Mecklenburg-Vorpommern wurden seit 2004 sieben Produktionsschulen aufgebaut – unterstützt vom Europäischen Sozialfonds.
Auch in Hamburg bekommt das Erfolgsmodell Kinder. Zehn neue Einrichtungen in freier Trägerschaft mit insgesamt 500 Plätzen bis 2011 hat die schwarz-grüne Regierung 2008 in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart und dafür knapp vier Millionen Euro bereit gestellt. Die treibende Kraft, Bildungssenatorin Christa Goetsch (GAL), hatte in den 1990er-Jahren als grüne Abgeordnete die Idee der Produktionsschule zusammen mit Johanssen jahrelang vorbereitet und durchgeboxt. Der aber kann sich heute über den Nachwuchs und die damit verknüpften Bedingungen nicht wirklich freuen. Denn im Haushalt der Hansestadt sind für die laufenden Betriebskosten einer Produktionsschule ein stark abgesenkter Jahreskostensatz pro Teilnehmer in Höhe von 7800 Euro veranschlagt – ein Betrag, der reiche und realistisch sei, argumentiert der Senat im Haushaltsplan 2009/2010. Schließlich hätten sich die an einer Trägerschaft interessierten Bewerber auf diese Vorgabe hin beworben. Außerdem orientiere sich der Teilnehmerkostensatz an den für das Berufsvorbereitungsjahr errechneten Schülerjahreskosten in Höhe von 7765 Euro. Laut einer Anfrage der SPD vom Dezember 2009 „liegen die Schülerjahreskosten in Altona seit 1999 im Durchschnitt bei über 15 000 Euro, die staatliche Finanzierung [...] bei 9 200 Euro.“
Die nun festgezurrte, drastische Kostendeckelung mag der Rechnungshof begrüßen, bei Pädagogen jedoch stößt die Geldbremse verständlicherweise auf wenig Gegenliebe
Manche brauchen länger
Wenige Monate vor seiner Pensionierung treibt es den 64-jährigen Schulleiter um, dass der enge finanzielle und formale Spielraum so manchen Träger dazu verleiten könnte, Jugendliche schneller durch die Maßnahme zu schieben, weniger individuell auf Schwächen einzugehen und die Möglichkeit des Hauptschulabschlusses nachrangig zu behandeln. „Es lässt sich nun mal nicht alles in einem Jahr regeln“, sagt Johanssen. „Manche Jugendliche brauchen länger.“ Im Laufe ihres fast zwölfjährigen Bestehens werden bis Ende 2010 fast 600 Jugendliche die Produktionsschule Altona besucht haben. Nicht alle haben durchgehalten und, nein, nicht alle haben eine Qualifizierung geschafft oder einen Ausbildungsplatz ergattert. Einer aber hat sich sogar bis zum Studium durchgearbeitet, erinnert sich Johanssen. „Die pädagogische Idee und der Bildungsauftrag werden allerdings immer mehr der Formalisierung und dem Kostendruck unterworfen“, sorgt er sich. 60 Prozent der Teilnehmenden, so gibt die Bildungsbehörde künftige Zielzahlen vor, „sollen nach dem Besuch der Produktionsschule unmittelbar in das Anschlusssystem integriert werden, und zwar durch den Übergang in ungeförderte und geförderte Ausbildung, die Integration in Beschäftigung oder den Eintritt in eine Weiterqualifizierung“. Die Produktionsschule Altona habe bisher nur 48 Prozent erreicht, heißt es aus der Behörde trocken.
Fabian hat nur einen Förderschulabschluss. Wie das passieren konnte, ist für Artur Ziegler ein Rätsel. Der 49-jährige Leiter der Medienklasse ist schon jetzt, drei Wochen nach Schuljahresbeginn, überzeugt vom Potenzial des 15-Jährigen: „Der Junge ist gut und schnell. Trotzdem ist er durch die Raster gefallen.“ In der Schule sei es „eben anders“ gewesen, erinnert sich Fabian. „Da bin ich nicht so gut mitgekommen. Hier macht es mir Spaß.“ Auch er hat über Freunde von der Produktionsschule erfahren. Nun wird er wohl bald ein Praktikum in einer Medienagentur bekommen. „Das Zeug dazu hat er allemal“, glaubt Ziegler, dessen gute Kontakte in viele Betriebe und Branchen für seine Schüler Türen öffnen können. Fabian hat noch mehr vor: „In einem Jahr will ich den Hauptschul-, danach den Realschulabschluss machen.“
Unter Berufsschullehrkräften, auch in der GEW, ist nicht unumstritten, ob ein Abschluss im Rahmen der Berufsvorbereitung sinnvoll ist. Denn wer eine Ausbildung beginne, so der Einwand, habe am Ende sowieso ein Zertifikat in der Tasche. Außerdem verlängere der Weg über die Produktionsschule den Aufenthalt in der Berufsvorbereitung. Aber für die Schülerinnen und Schüler in Altona steht fest: Sie haben so gut wie keine Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt, wenn sie kein entsprechendes Zeugnis vorweisen können. Wer die Jugendlichen nach einem Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) fragt, erntet Kopfschütteln. „Nee, da wollte ich auf keinen Fall hin“, macht Bobby klar. Warum? Schulterzucken. Die „Warteschleife“ habe eben keinen guten Ruf. Lernen wie in der Schule ist verbunden „mit lange Sitzen und so“ und scheint ebenso an den Fähigkeiten und Bildungskarrieren dieser Jugendlichen vorbeizugehen wie eine Beschäftigung ohne Qualifikation. Ein Hauptschulabschluss ist und bleibt das Ziel – er gilt als Beweis, etwas „geschafft“ zu haben. Immerhin: „23 von 26 Schülern haben dieses Jahr die Produktionsschule Altona mit diesem Abschluss im Gepäck verlassen“, berichtet Johanssen: „Das zu erreichen, ist eine wichtige Motivation für die Schüler. Wir haben es hier nicht mit Bildungsverweigerern zu tun, sondern mit Bildungshungrigen“.
Tina Fritsche,
freie Journalistin
*„Fehlt ein Schüler ‚unentschuldigt‘, zieht die Schule von der ‚Vergütung‘ pro Tag 7,50 Euro ab“, so steht es in der Selbstdarstellung der Produktionsschule und so schreibt es auch das Hamburger Institut für Berufliche Bildung (HIBB).
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Seit 1998 haben sich bundesweit rund 50 Produktionsschulen – überwiegend in freier Trägerschaft – gegründet, 45 von ihnen sind im Bundesverband Produktionsschulen (BVPS e.V.) organisiert. Im Vordergrund stehen die pädagogische Verbindung von Arbeiten und Lernen sowie der Grundsatz, über die Produktion Lernprozesse wieder in Gang zu setzen. In Hamburg hat die Behörde die Zielgruppe auf schulpflichtige Jugendliche eingeschränkt. Da der Begriff Produktionsschule gesetzlich nicht geschützt ist, hat der Bundesverband ein Qualitätssiegel erarbeitet, das er voraussichtlich im September verabschieden wird. Jede Produktionsschule versteht sich als Bildungseinrichtung mit eigenem Profil, die sich an Motivation und Lernausgangslage der Jugendlichen orientiere, so BVPS-Vorsitzender Thomas Johanssen.
Der Bundesverband Produktionsschulen e.V. (BVPS) hat unter anderem folgende Prinzipen für die Produktionsschularbeit festgelegt, ausführlich nachzulesen unter: www.bv-produktionsschulen.de