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03.09.2010

Wie aus Kindern „Risikoschüler“ werden - Versuch einer Typologie des Scheiterns

Wie aus Kindern „Risikoschüler“ werden, nennt der Erziehungswissenschaftler Wilfried Breyvogel seine gemeinsam mit Studierenden erstellten Fallstudien zur Bildungsarmut an Hauptschulen im Ruhrgebiet*. Welche institutionellen sozialen und psychologischen Faktoren bei Jugendlichen Lernleistungen und Schulerfolg zusätzlich beeinträchtigen, machen die Untersuchungen deutlich.

Jonas ist ein „durchschnittlich befähigter“ Hauptschüler. Die Zuschreibung Lese-Rechtschreib-Schwäche schützt ihn vor einem allzu schroffen Lehrerurteil. An Mathematik hat er ein ausgeprägtes Interesse. Er ist pflichtbewusst und verhält sich schulkonform. Aber er hat ein ganz anderes Problem. Seine rötlichen Haare und seine Sommersprossen haben ihn in der Hauptschule zum idealen Opfer gemacht. Jungen und Mädchen lassen ihn das auf unterschiedliche Weise spüren. Er ist nicht nur Opfer körperlicher Gewalt und Zurücksetzung, sondern auch Ziel ekelerregender Rituale, die ihm den Beinamen „Stinker“ angehängt haben. Jonas ist nicht nur ein klassisches Mobbing-Opfer, sondern für ihn und die beiden folgenden Fälle gilt, dass sie zu der Minderheit gehören, deren Familien nicht durch Migration geprägt sind. Die dominante Jungengruppe besteht – das gilt für alle Ruhrgebietsstädte – aus Kindern mit türkischen und kurdischen Eltern, gefolgt von einer starken Gruppe libanesischer Kinder.

Minderheit als Handicap

An dem Fall Jonas lässt sich bereits Allgemeines erkennen: Kinder, die einer Minderheit angehören, und das sind nicht nur die wenigen (drei bis fünf) aus deutschen Familien in einer Klasse, sondern auch Kinder aus Schwarzafrika oder Thailand, verkörpern bereits ein Merkmal erster Ordnung des Scheiterns. Dies verschärft sich, wenn ein Merkmal zweiter Ordnung hinzutritt, z. B. extrem zerrüttete Familienverhältnisse wie bei Marvin, der neun Geschwis­ter von drei Vätern hat. Er und sein Bruder sind nach einer Prügelorgie des letzten Stiefvaters zur Polizei gegangen, seitdem ist er Heimkind. Sein Selbstwertgefühl ist so geschwächt, dass er gegenüber jeder vermeintlichen Ungerechtigkeit mit einer extremen Trotz- und Verweigerungshaltung reagiert, die ihn isoliert und zum „Sitzenbleiber“ mit ersten Strafdelikten macht.

Neben extrem zerrütteten Lebensverhältnissen kann aber auch Demotivierung als Merkmal zweiter Ordnung hinzukommen, so wie bei Gabor. Dessen Mutter hatte seine Realschulempfehlung nicht wahrgenommen. Auf Grund permanenter Unterforderung an der Hauptschule ist er in einen Strudel der Lustlosigkeit geraten, der ihn zum Schulschwänzer macht. Mangelnde Motivation ist auch für Absteiger aus den Realschulen und Gymnasien ein großes Problem (vgl. die Fallstudie zu Sonja, in: Breyvogel 2010, S. 78ff.).

Ähnlich lassen sich Bedingungen des Scheiterns von Kindern aus Migrantenfamilien ermitteln. Als Merkmal erster Ordnung gilt hier das Scheitern an der Sprache. Das lässt sich an dem Fall des elfjährigen Bekir zeigen, der zwar in Deutschland geboren ist, dennoch nicht viel, bisweilen gar nichts versteht. Die Familie stammt aus Zentralanatolien, Großeltern und alle Geschwister des Vaters leben im Ruhrgebiet in enger Nachbarschaft. Die betreuende Studierende, selbst türkischer Abstammung, ist als „Patin“ (s. ­Kas­ten Forschungsprojekt) verzweifelt. Bekir kapiert ihr akzentfreies Deutsch nicht und, wenn sie ihm englische Vokabeln auf Türkisch erklärt, versteht er sie auch nicht. In den Arbeiten schreibt er nur „mangelhaft“ und „ungenügend“. Er weiß anfangs auch nicht, was „ungenügend“ bedeutet (nach mehr als zwei Jahren Patenschaft ist er immerhin so stabilisiert, dass er zumindest nicht sitzen bleibt).

Als Merkmal zweiter Ordnung kommen auch bei dieser Schülergruppe besondere Bedingungen hinzu. Bei Jungen häufig ein ausgeprägter jugendlicher Narzissmus wie bei dem 13-jährigen Samet, der sich als „The Big Boss“ der Klasse vorstellt. Zu diesem anfangs selbstbewussten Verhalten gesellt sich beim kleinsten Scheitern eine tiefe Scham und Verletzlichkeit, die ihn schwer berechenbar und „auffällig“ macht. Konfrontiert mit schulischen Anforderungen zeigt sich eine typische, auch gegenüber Lehrerinnen chauvinis­tische Abwehr und emotionale Nichterreichbarkeit, die das Scheitern begleiten.

Diskriminierung

Unsere Fallstudien zeigen, dass libanesische Mädchen institutionell diskriminiert werden. Allein die Zugehörigkeit zu dieser Ethnie verengt die schulischen Chancen so sehr, dass sie zur Kategorie erster Ordnung wird. Das zeigen die Fallbeispiele von Saavik und Malak.

Saavik kommt unverschuldet drei Wochen zu spät an die Hauptschule. Sie wird von der Lehrkraft isoliert an einen Tisch gesetzt und sofort mit negativen Etikettierungen belegt. Diese werden in Kürze schlimmer, sodass sie freiwillig zur Förderschule wechseln will. Saavik weiß, dass das eine Schande ist, aber: „Lieber mit der Schande leben“ als den Beschimpfungen weiter ausgesetzt zu sein.

Ähnlich ergeht es Malak, die von der Realschule kommt und sich von den Lehrkräften und der Klasse abgelehnt fühlt. In der Phase der Patenschaft inszeniert sie bereits Gegenreaktionen in Form ihrer „Auftritte“, wenn sie zu spät kommt. Ihrer Entwicklung zur Selbstständigkeit steht der familiäre Druck, eine frühe Ehe einzugehen, im Wege.

Ergebnis der Fallstudien ist zweierlei: Zum einen wird deutlich, dass die Hauptschule, dort wo sie noch nicht abgeschafft ist, allen Beteiligten schadet, den Kindern, den Eltern sowie den Lehrerinnen und Lehrern. Zum anderen wird klar, dass die vorhandenen Potenziale der Kinder an dieser Schulform nicht gefördert werden können. Gerade bildungsorientierte Kinder aus den unterschiedlichsten Migrationsethnien nehmen dabei den größten Schaden. Hier steht alles gegeneinander, teils schroffe Jugendlichkeit, mangelnde Sprachkenntnisse, gegenseitige Fremdheit, teils überalterte Kollegien.

Wilfried Breyvogel,
em. Prof. für Pädagogische Jugendforschung und Sozialgeschichte der Erziehung an der Uni Duisburg-Essen

* Vgl. Wilfried Breyvogel (Hrsg.): Wie aus Kindern Risikoschüler werden. Fallstudien zu den Ursachen von Bildungsarmut. Brandes & Apsel, Frankfurt, 2010.

Zum Forschungsprojekt
Grundlage der Typologie ist ein Forschungsprojekt an zentralstädtischen Hauptschulen im Ruhrgebiet von 2004 bis 2007. Ziel war, das Scheitern junger Menschen an dieser Schulform aus der Binnenperspektive zu verstehen. Dazu übernahmen die Studierenden stabilisierende Patenschaften und erarbeiteten auf der Basis teilnehmender Beobachtung und Interviews insgesamt 23 Fallstudien.

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