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06.01.2012

Russland: Mehr Autonomie, mehr Ausgrenzung

An den russischen Schulen ändert sich in diesen Monaten ziemlich viel. Während die die Eigenbeiträge von Eltern und Studierenden steigen, werden für Lehrkräfte Staffel-Löhne eingeführt, mit denen sie nach Leistung bezahlt werden sollen. Dagegen regt sich Widerstand.

Umwälzungen im russischen Bildungssystem führen zu Zweiklassensystem
Die Zweiklassengesellschaft hält an russischen Schulen Einzug. Kostenlos ist ab Januar 2012 nur noch der Unterricht in wenigen Hauptfächern. Gegen die Einführung von Schulgeld regt sich schon Widerstand. Die Schulen sollen ihren Haushalt nach einem neuen Gesetz bald autonom verwalten. Eltern fürchten, dass dann Gebühren etwa für Förderkurse und Spielgruppen gefordert werden. Susanna Sonzewa ist aufgebracht. Auf einer Kundgebung „gegendie Kommerzialisierung der Ausbildung“ auf dem Moskauer Puschkin-Platz wetterte die Mutter eines Erstklässlers gegen die Tiefkühlkost, die es jetzt in der Schule ihres Kindes gibt. Ihr siebenjähriger Sohn wolle das nicht essen. Deshalb holt sie ihren Sprössling nach vier Unterrichtsstunden ab. An der Mittelschule Nr. 211 im Sawjolowski-Bezirk im Norden Moskaus läuft ein Experiment zur Bewirtschaftung der Schulküche durch die private Firma „Konkord“. Dieser Versuch ist ein Vorläufer der geplanten effektiveren Bewirtschaftung der Schulen. Doch das Projekt ist nach Meinung von Sonzewa schon jetzt gescheitert. Das Küchenpersonal sei entlassen worden, stattdessen wurden billigere Arbeitskräfte aus der russischen Provinz eingestellt. Das von der Firma „Konkord“ für die 500 Schülerinnen und Schüler gelieferte Essen sei tiefgefroren. Nach einer Prüfung durch besorgte Eltern habe sich jedoch herausgestellt, dass das Haltbarkeitsdatum der Mahlzeiten abgelaufen war.

Landesweiter Protesttag
Susanna Sonzewa war nicht die einzige Sprecherin auf dem Puschkin-Platz, die sich über die Bildungspolitik der Regierung erregte. In vielen Bildungsbereichen hat sich Kritik angestaut. Auf der Kundgebung wetterten Studierende gegen niedrige Stipendien, Lehrkräfte gegen die Einführung von Staffel-Löhnen, mit denen sie nach Leistung bezahlt werden sollen, und Eltern gegen das Gesetz Nr. 83, das finanzielle Abgaben der Eltern für Förderkurse und Spielkreise legalisiert. Der allgemeine Tenor: Die Qualität der Ausbildung werde schlechter, aber die Eigenbeiträge von Eltern und Studierenden steigen. Protestveranstaltungen gegen die Politik im Bildungsbereich fanden auch in Ulan Ude und Jekaterinenburg statt. Das staatliche Fernsehen berichtete nicht über den landesweiten Aktionstag. An den russischen Schulen ändert sich in diesen Monaten ziemlich viel. Für die Klassen eins bis neun gibt es neue Unterrichtsprogramme. Die Lehrpläne für die Abgangsklassen zehn und elf stehen noch nicht fest. Nachdem es in der Öffentlichkeit zu heftigen Debatten gekommen ist, weil das Bildungsministerium anfänglich nur vier Pflichtfächer für die Abgangsklassen vorgesehen hatte – Sport, „Grundlagen der Sicherheit im Leben“, „Russland in der Welt“ und ein frei wählbares Fach – wird jetzt in einer Expertenkommission weiter beraten. Die Kritiker befürchteten, dass die Qualität der Ausbildung in den Abgangsklassen sinke, wenn nicht auch Mathematik, Physik, Russisch und Geschichte zu den Pflichtfächern gehören. Die zweite große Änderung, die auf die Schulen zukommt, ist das im April 2010 von der Duma verabschiedete Gesetz Nr. 83. Nach dem Gesetz, das am 1. Januar 2012 in einer Experimentierphase in Kraft tritt und am 1. Juli 2012 flächendeckend eingeführt werden soll, können alle staatlichen Einrichtungen (Schulen, Bibliotheken und Krankenhäuser) ihren Haushalt autonom oder halbautonom verwalten. Damit sind die Schulen für Einkäufe und Einnahmen zuständig. Durch das Gesetz wird die gängige Praxis, dass Schulen von Eltern für Förderkurse, Spielgruppen und Instandsetzungsarbeiten finanzielle Abgaben erheben, legalisiert. Für gut verdienende Eltern in den Großstädten sind diese Abgaben nicht so problematisch wie für die große Masse der Familien in der Provinz. Nach Angaben des russischen Statistikamtes leben 22,9 Millionen Russen – bei einer Gesamtbevölkerung von 141 Millionen – unterhalb der Armutsgrenze. Die Zahl der Armen hat im ersten Quartal 2011 um 2,3 Millionen Menschen zugenommen. Die Kritik der Schulreform-Gegner, dass die in der Verfassung garantierte kostenlose Ausbildung immer mehr ausgehöhlt werde, wies Staatssekretär Igor Remorenko vom Bildungsministerium in einem Kommersant-Interview zurück. Die Fächer Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Sport, Russische Sprache und Literatur werde der Staat weiter finanzieren, erklärte der Beamte. Auch Premierminister Wladimir Putin wird nicht müde zu beteuern, dass die Ausbildung in Russland kostenlos bleibe. Merkwürdig nur, dass das Fernsehen die Debatte über die Bildungsreform, die bereits im Internet läuft, nicht aufgreift. Talkshows mit Reform-Kritikern und Befürwortern gibt es nicht. Das Bildungsministerium drückt sich vor klaren Aussagen und wirft den Kritikern stattdessen Panikmache vor. Dabei wäre das beste Mittel, Ängste zu beseitigen, wenn im Fernsehen öffentlich über die „Reformen“ des Bildungssystems debattiert würde. Wie wichtig eine Debatte über Bildung in Russland ist, zeigt die Äußerung des Oligarchen Michail Prochorow. Der Miteigner des Großunternehmens Norilsk-Nickel erklärte Ende August während einer Sitzung der von Präsident Dmitri Medwedew geleiteten Modernisierungskommission, die Schulen bildeten am Bedarf vorbei aus. Auf dem Arbeitsmarkt würden rund 20 Prozent Höherqualifizierte gebraucht. Diese müssten besser ausgebildet werden. Solch eine Strategie wäre eine klare Absage an das sowjetische Schulsystem, das bis heute faktisch noch existiert und wegen seiner breiten Grundausbildung in Russland immer noch geschätzt wird.

Korruption bei Abschlussprüfung
Sicher gibt es bei der Bildungsreform auch positive Ansätze. 2003 stieg Russland in den Bologna-Prozess ein. An den Hochschulen gibt es jetzt ein zweigliedriges Ausbildungssystem mit Bachelor- und Magister-Abschlüssen. Mit diesen können Uni-Absolventen aus Russland einfacher in Europa studieren. Doch das von Bildungsminister Andrej Fursenko 2010 landesweit eingeführte einheitliche Abschlussexamen „EGE“, das die Hochschuleingangsprüfungen ersetzt, steht in der Kritik*. Das Abschlussexamen „EGE“ prüft das Wissen der Schülerinnen und Schüler der 11. klasse. Mit Abschluss der 11. klasse erwirbt man in Russland eine so genannte Mittelschulausbildung und die Hochschulreife. Grund für die Kritik: Geprüft wird per Fragebogen. Deshalb gingen die Lehrkräfte dazu über, Schülerinnen und Schüler auf die Themenbereiche der Abschlussprüfung „zu dressieren“, meint Susanna Sonzewa. Und die Korruption bei den Abschlussprüfungen sei durch „EGE“ nicht gestoppt worden, wenden Kritiker ein. Schon werden Stimmen laut, „EGE“ wieder abzuschaffen. Zu den Kritikern der landeseinheitlichen Abschlussprüfung gehört auch Sergej Mironow, Vorsitzender der kleinen sozialdemokratischen Partei „Gerechtes Russland“.

Erziehung und Wissenschaft, 1/2012
Text und Fotos: Ulrich Heyden, Moskau, Korrespondent der Sächsischen Zeitung



Mit ihrem Plakat „Gib Gehirn!“ protestiert eine Studentin gegen Schulabschlussprüfungen per Fragebogen


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