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/ Jahrgang 2011
/ 11/2011
Fair Childhood - InterviewE&W: Herr Bergstreser, Medien berichten immer wieder über Sklaven- und Kinderarbeit auf Kakao-Plantagen. Können Sie Schokolade noch genießen?
Michael Bergstreser: Schon, ich mag Schokolade gerne. Aber zu wissen, wie Kakao geerntet und teilweise auch hergestellt wird, hinterlässt schon einen bitteren Nachgeschmack – selbst bei Vollmilchschokolade.
E&W: Was läuft da schief?
Bergstreser: Das beginnt bei der Ernte des Kakaos: In der Elfenbeinküste oder in Ghana werden häufig Kinder bei der Ernte eingesetzt. Sie müssen auf den Plantagen malochen und ohne Arbeitsschutzkleidung Gifte zur Schädlingsbekämpfung versprühen. Oder sie müssen mit scharfen Messern hantieren, so dass sie sich verletzen – doch die Wunden werden nie behandelt. Es gibt auch Fälle, bei denen Kinder von ihren Eltern an Menschenhändler verkauft oder von Letzteren auch entführt wurden. Viele dieser minderjährigen Plantagenarbeiter werden nicht nur schlecht, sondern gar nicht bezahlt. Das trifft übrigens auch auf erwachsene Pflücker zu.
E&W: Darf man die Mitarbeit von Kindern immer verdammen?
Bergstreser: Nein. Natürlich muss man die unterschiedlichen Niveaus von Kinderarbeit unterscheiden: Es gibt eine Art von Kinderarbeit, die o. k. ist – dann nämlich, wenn der Minderjährige nur ein paar Stunden auf dem Feld aushilft. Auch bei uns ist es ja üblich, dass Kinder auf den Bauernhöfen mitarbeiten oder Zeitungen austragen. Problematisch wird es, wenn das Kind oder der Jugendliche sich deswegen seine Zukunft verbaut, weil die Feldarbeit verhindert, dass er eine Schule besuchen kann. Und absolut zu verdammen ist, wenn das Kind verkauft oder versklavt wird.
E&W: Sie kritisieren auch die Arbeitsbedingungen in der weiteren Herstellungskette von Schokolade ...
Bergstreser: Ja. Die Missstände gehen beim Transport, in den Häfen, in den Kakaovermahlungsfabriken und den Schokoladenwerken ja weiter. Hafenarbeiter kommen beim Öffnen der Kakao-Säcke mit den Pestiziden in Berührung oder müssen zentnerschwere Säcke schleppen. In Westeuropa sind die Themen Leiharbeit, geringfügig Beschäftigte und somit prekäre Arbeitsbedingungen ein großes Problem in der Süßwarenbranche. Der Versuch, die Lohnkosten zu drücken, wird in Deutschland ebenso unternommen wie in der Elfenbeinküste oder Ghana.
E&W: Im Handel wird auch Schokolade aus fairem Handel angeboten. Der faire Handel bezieht sich aber meist auf die Handelsbeziehung zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden. Finden Sie den Begriff „fair“ angesichts der Missstände auch hierzulande zu eng definiert?
Bergstreser: Ja. Zwar geht es den Arbeitern der Süßwarenindustrie hierzulande immer noch weitaus besser als den Kakao-Pflückern oder Hafenarbeitern in Afrika. Doch ideal ist die Situation auch bei uns nicht. Man sollte schon die ganze Herstellungskette betrachten. Bei den Pflückern müssen wir übrigens gar nicht bis Afrika blicken. Kinderarbeit gibt es nicht nur in Westafrika, sondern auch in Europa. Viele Nüsse, vor allem Haselnüsse, in der Schokoladentafel oder im Keks stammen aus der Türkei (s. E&W 4/2011). Und dort ist die Fehlquote von Kindern in der Schule während der Nussernte sehr hoch, weil Wanderarbeiter mit ihren Kindern von Ernte zu Ernte ziehen.
E&W: Die Süßwarenkonzerne klagen über steigende Preise bei den Rohstoffen wie Kakao, Zucker, Weizen. Ist der Lohn- und Preisdruck der Branche nachzuvollziehen?
Bergstreser: Nein. Zwar sind die Margen in der Ernährungsindustrie nicht so sehr hoch, einfach auch, weil der Einzelhandel enormen Preisdruck ausübt. Aber es werden Gewinne gemacht. Die Tafel Schokolade muss nicht 29 Cent kosten, wie ich es kürzlich in einem Angebot sah. Ein höherer Preis – und damit auch höhere Löhne für die Arbeiter – ist durchsetzbar. Das hat auch eine Studie gezeigt, in der ein- und derselbe Warenkorb mit Produkten von Nestlé bis Ferrero in mehreren Ländern verglichen wurde. Das Ergebnis: In Norwegen kostet derselbe süße Warenkorb fast das Doppelte wie hierzulande – wenngleich die Menschen dort mehr verdienen. Selbst in Polen legen die Kunden dafür ein Fünftel mehr auf den Tisch als bei uns. Das belegt: Höhere Preise sind beim Konsumenten durchsetzbar. Der ruinöse Wettbewerb im Einzelhandel muss nicht sein.
E&W: Der Verbraucher verursacht diesen Preisdruck des Einzelhandels mit. Ist die Tafel Schokolade bei der Konkurrenz billiger, kauft er dort ein ...
Bergstreser: Ja, es stimmt: Auch Verbraucher tragen durch ihr Kaufverhalten zum ruinösen Wettbewerb bei. Allerdings ist der deutsche Kunde im Laufe von Jahrzehnten vom Handel und den Herstellern so erzogen worden, dass für ihn der Preis beim Einkauf von Lebensmitteln das Hauptentscheidungskriterium geworden ist. Das ist in einigen Nachbarländern anders: Dort ist für viele Kunden im Supermarkt auch Qualität ein wichtiges Kaufkriterium – etwa, unter welchen sozialen oder ökologischen Bedingungen das Essen hergestellt worden ist.
E&W: Was fordern Sie?
Bergstreser: Eine faire Herstellung entlang der gesamten globalen Schoko-Herstellungskette. Konkret bedeutet das: In der Schokoladen-Produktion müssen endlich die schlimmsten Auswüchse von Kinderarbeit und Ausbeutung angegangen und verhindert werden. Die Branche muss das Harkin-Engel-Protokoll – oder Kakao-Protokoll – endlich umsetzen: Vor zehn Jahren haben sich die großen Schokohersteller und Konzerne verpflichtet, ausbeuterische Kinderarbeit und die schlimmste Form der Kindersklaverei auf den Kakaoplantagen zu bekämpfen. Doch ich sehe da keine Fortschritte. Im Gegenteil: Die ganze globale Kette verharrt im Status quo.
E&W: Was verstehen Sie unter einer fairen Schokolade?
Bergstreser: Darunter verstehe ich eine Schokolade, die nicht nur fair, sondern auch nachhaltig produziert wird. Leider werden Kunden hier häufig in die Irre geführt. Nicht jedes soziale Engagement, jede Unterstützung eines Schul- oder Aufforstungsprojektes eines Schoko-Herstellers, mit dem dieser dann auch gerne wirbt, ist ein ehrliches und nachhaltiges Engagement. Manches hat da nur eine Alibi-Funktion. Um gut dazustehen. Und um Kunden zu ködern. Anstatt sich durch Siegel blenden zu lassen, sollten Verbraucher öfter mal hinter die Verpackung und Werbeslogans schauen.
E&W: Woran können sich Verbraucher im Supermarkt orientieren? An Zeichen wie dem blau-grünen Fairtrade-Siegel?
Bergstreser: Solche Siegel bieten dem Kunden zumindest eine Orientierung. Allerdings berücksichtigt das oft genutzte Rainforest-Alliance-Siegel im Wesentlichen keine sozialen Aspekte. Mars hat erklärt, in seinen Schoko-Riegeln bis 2020 nur noch Fairtrade-zertifizierte Kakao-Bohnen zu verarbeiten. Cadbury und andere Hersteller sind auf demselben Weg. Dennoch ist für mich die soziale Komponente nur ein Faktor - und sie muss die gesamte Herstellungskette im Blick behalten, nicht nur Westafrika. Vielleicht sollte man den Begriff „fair“ durch nachhaltig ersetzen, also um die ökologische Komponente erweitern. Wichtig ist für mich das Zusammenspiel von sozial und ökologisch. Und dass der Schokoladenhersteller nicht nur seinen Kakao zertifizieren lässt. Sondern dass er auch für faire Arbeitsbedingungen hierzulande sorgt. Nur dann hat er das faire Siegel auch verdient.
Interview: Martina Hahn,
freie Journalistin
Die Journalistin ist Autorin des Ratgebers „Fair einkaufen – aber wie?“, Verlag Brandes & Apsel, 19,90 Euro.
* Weitere Infos: www.cocoanet.eu