Die Beschäftigten machten sich mit ihren Streiks für einen Gesundheitsschutz-Tarifvertrag stark. Nach den bundesweiten Aktionen in den vergangenen Wochen wird jetzt im Wechsel in den Ländern gestreikt. Mit dieser Streikplanung wollen die Gewerkschaften die Eltern entlasten.
Norbert Hocke, für Jugendhilfe und Sozialarbeit verantwortliches GEW-Vorstandsmitglied, appellierte in einem Schreiben an die Kultus- und Jugendminister der Länder, sich an die Seite der Erzieherinnen zu stellen. „Mit den Kita-Bildungsplänen ist eine grundlegende Neuorientierung der frühkindlichen Bildung verbunden. Verstärkte Sprachförderung, Bildungsdokumentation, individuelle Förderung, Entwicklungsgespräche mit den Eltern, intensive Zusammenarbeit mit den Grundschulen sind nur einige Anforderungen, die auf Kindertagesstätten zukommen. Die Erzieherinnen haben diese Herausforderungen in den letzten Jahren mit großem Engagement angenommen. Sie haben dies im Vertrauen darauf getan, dass sich in nächster Zeit die Arbeitsbedingungen verbessern und sie für ihre gute Arbeit angemessen bezahlt werden. Tatsächlich hat sich in der Frage der Arbeitsbedingungen, etwa der Vor- und Nachbereitungszeit, der Gruppengröße und der Leistungsfreistellung kaum etwas zum Besseren gewendet. Das geht zu Lasten der Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, begründete Hocke seinen Vorstoß. Neuere arbeitsmedizinische Untersuchungen belegten, dass Erzieherinnen und Erzieher chronisch überlastet sind. Sie litten unter psychosomatischen Beschwerden und Erschöpfung.
Der größte Skandal sei jedoch die schlechte Bezahlung, hob Hocke hervor. Im Vergleich zum alten Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) müssten Beschäftigte durch den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) Gehaltsverluste in Höhe von rund 13 Prozent hinnehmen – trotz gestiegener Anforderungen.
„Wenn es nicht gelingt, vor der Sommerpause zu einem Verhandlungsergebnis zu kommen, ist absehbar, dass es zu Beginn des neuen Kita-Jahres in vielen Bereichen zu Einschränkungen in der Umsetzung der Kita-Bildungspläne kommen wird. Die Geduld der Erzieherinnen ist erschöpft“, unterstrich Hocke.
Dies wird sich auch morgen wieder zeigen: Es wird in Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu weiteren Streiks kommen.
In Hamburg hatten die Arbeitgeber vergeblich versucht, die Streiks per Gerichtsbeschluß zu stoppen. Heute einigten sich ver.di, GEW und die Hamburger Arbeitgeber in der zweiten Instanz auf einen Vergleich: Da die Hamburger Arbeitgeber nicht Mitglied der VKA sind, hätte ihnen die auf Bundesebene geänderte Forderung nach einem Tarifvertrag zum Gesundheitsschutz extra zugestellt werden müssen. Ver.di und GEW wollen dies nun tun, anschließend darüber verhandeln und erst nach dem Scheitern dieser Verhandlungen wieder zu Streiks aufrufen. In allen anderen Punkten schloss sich das Gericht der Auffassung der Gewerkschaften an. Es muss betont werden, dass dieser Vergleich speziell für Hamburg gilt und keinen Einfluß auf die geplanten Streiks der nächsten Tage in der restlichen Bundesrepublik hat.
In Hamburg gingen der größte Kita-Träger und sein Arbeitgeberverband in die Revision zur erstinstanzlichen Arbeitsgerichtsentscheidung. Sein Vorhaben kündigte er auf seiner Homepage an und verbreitete sie zusätzlich im betriebseigenen Intranet.
Vielen Kolleginnen und Kollegen war dieses Arbeitgebervorhaben bekannt. Allerdings war ihnen auch bekannt, dass die Verhandlung vor dem Landesarbeitsgericht erst um 12:00 Uhr stattfindet, der Streikaufruf aber auch für diesen Tag schon ab 6:00 Uhr morgens galt.
Frei nach dem Motto: Jetzt erst recht! versammelten sich morgens vor dem Gewerkschaftshaus des DGBs noch mehr Kolleginnen und Kollegen als am Vortag.
Diesmal zog der Streikzug vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt, um den dort im Streik befindlichen Kolleginnen und Kollegen des Einzelhandels Solidaritätserklärungen kundzutun: „Das Geld, das wir für unsere Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst fordern, kommt in Form von Konsumausgaben auch den Beschäftigten im Einzelhandel zugute.“
Mehr als 2.500 Kolleginnen und Kollegen begleiteten die trefflich gefundenen Worte des Betriebsratsvorsitzenden der Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten mit schrillem Trillerpfeifengetöse und lauten Knatter-Geratter.
Zurück im Streiklokal im Metropoliskino am Steindamm erfolgte die obligatorische Eintragung in die Streiklisten der Gewerkschaften. Die Kolleginnen und Kollegen haben es mittlerweile verinnerlicht, dass dieser Streik auch in Hamburg noch nicht zu Ende sein kann und diskutierten die möglichen Folgen, die das noch ausstehende Urteil des Landesarbeitsgerichts nach sich ziehen könnte.
Noch bevor die Entscheidung des LAG bekannt wurde, löste sich die Streikversammlung auf, so dass der um 16:00 Uhr bekanntgewordene Vergleich den die Gewerkschaften GEW und verdi und die Arbeitgebervertretung geschlossen haben, erst nach regulären Feierabend vieler Kolleginnen und Kollegen telefonisch und elektronisch kommuniziert werden konnte.
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Text: Jens Kastner, Bilder: Jens Kastner, Janine Hoffmann
In Köln kamen wieder mehrere hundert Sozialpädagoginnen, Erzieher und Sozialarbeiterinnen zur Streikkundgebung auf den Platz vor dem DGB-Haus. Nachdem sich alle in die Streiklisten eingetragen hatten, begann im DGB-Haus eine besondere Veranstaltung: Norbert Hocke, Vorstandsmitglied der GEW, erläuterte in einem kurzweiligen Vortrag die Forderungen der Gewerkschaften und stellte sich anschließend den teilweise kritischen Fragen der Erzieherinnen.
Am Ende war man sich jedoch einig: Wir brauchen einen besseren Gesundheitsschutz im Sozial- und Erziehungsdienst! Die Streiks sind der richtige Weg, um den Arbeitgebern zu zeigen, dass ihr scheinheiliges Angebot (mehr dazu im Tarifinfo Nr. 5) der letzten Verhandlungsrunde inakzeptabel ist!
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Bilder: privat
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und ver.di haben heute, 3.Juni 2009 in Kiel die Streiks im Sozial- und Erziehungsdienst wieder aufgenommen. Mehr als 200 Erzieherinnen und andere Beschäftigte in sozialpädagogischen Berufen legten die Arbeit nieder. Mit den Streiks zielen die Gewerkschaften auf einen Gesundheitsschutz-Tarifvertrag und eine höhere Eingruppierung. Am 4. Juni werden die Streiks in Kiel und Lübeck fortgesetzt.
Nach einer Streikversammlung im historischen Kieler Gewerkschaftshaus zogen die Streikenden durch die Kieler Innenstadt zum Europaplatz. Dort informierten sie Passanten über die Hintergründe ihres Streiks. „Erzieherinnen sind keine Basteltanten mit Trallala und Eiteitei. Im Gegenteil: Sie leisten für unsere Gesellschaft eine unschätzbare und immer wertvoller werdende Arbeit. Deshalb haben sie Anspruch auf einen gesunden Arbeitplatz und eine bessere Bezahlung als 1900 Euro Einstiegsgehalt“, sagte GEW-Landesgeschäftsführer Bernd Schauer am Rande der Aktion. Die kommunalen Arbeitgeber forderte er auf, Verhandlungen nicht länger zu blockieren und den Erzieherinnenberuf endlich ernst zu nehmen.
Die Schere zwischen Anforderungen an die Erzieherinnen auf der einen sowie Arbeitsbedingungen und Bezahlung auf der anderen Seite klaffe immer weiter auseinander, so der GEW-Landesgeschäftsführer. Verstärkte Sprachförderung, Bildungsdokumentation, individuelle Förderung, Entwicklungsgespräche mit den Eltern, intensive Zusammenarbeit mit den Grundschulen: Die Einführung der Kita-Bildungsleitlinien habe die Belastungen für die Erzieherinnen nach oben katapultiert, ohne dass die Rahmenbedingungen wie zum Beispiel Gruppengrößen, Vor- und Nachbereitungszeiten und Ausstattung in den Kitas damit einher gegangen seien.
„Das geht auf Dauer auf die Gesundheit der Beschäftigten, wie Arbeitsmedizinische Untersuchungen zeigen. Erzieherinnen sind chronisch überlastet. Sie leiden vor allem unter psychosomatischen Beschwerden und Erschöpfung. Damit muss endlich Schluss sein. Deshalb brauchen wir einen Gesundheitsschutz-Tarifvertrag!“, forderte Bernd Schauer.
Text: Bernd Schauer
Streikaufrufe der GEW Schleswig-Holstein