05.07.2010

Mehr Selbstbewusstsein: Lehrkräftestudie TALIS der GEW

Die Studie Teaching and Learning International Survey (TALIS) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat erstmals weltweit Schulleitungen und Lehrkräfte nach Arbeitsbedingungen, beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und professionellen Überzeugungen, Einstellungen und Haltungen befragt. An TALIS beteiligten sich 23 Länder, zu denen Deutschland jedoch nicht gehörte. Da sich die Kultusministerkonferenz (KMK) geweigert hatte, bei TALIS mitzumachen, hat die GEW mit Zustimmung der OECD eine TALIS-affine Onlinebefragung gestartet.

Die Bildungsgewerkschaft begründete den ungewöhnlichen Schritt damit, dass Lehrkräfte und Schulleitungen in Deutschland „nicht von der internationalen Diskussion um die Weiterentwicklung ihres Berufes abgekoppelt“ werden sollten. Mittlerweile sind erste, für die GEW-Mitgliedschaft repräsentative Ergebnisse unter dem Titel „Helden des Alltags“ veröffentlicht (Die Deutsche Schule, Beiheft Bd. 11, 2010).

In der Fachwelt wird die GEW-Befragung sehr aufmerksam registriert. Eine Ende 2009 von der Europäischen Union (EU) gemeinsam mit der OECD publizierte Sekundärauswertung der TALIS-Daten unter dem Titel Teachers’ Professional Development: Europe in international comparison. A secondary analysis based on the TALIS dataset, die den Fokus auf die berufliche Entwicklung der Lehrkräfte legt, stützt sich für Deutschland mangels offizieller Erhebungen nahezu ausschließlich auf die Daten der GEW. Auch der offizielle Bildungsbericht für Deutschland 2010 bezieht sich auf die GEW-Befragung.

Spannende Ergebnisse

Die Befragungsergebnisse sind spannend und facettenreich. E&W wird in lockerer Folge Einzelaspekte veröffentlichen.

Den Aufschlag machen wir mit der Frage: Wie schätzen Lehrerinnen und Lehrer ihr Ansehen ein?

Das alarmierende Ergebnis lautet: Mehr als vier Fünftel der Lehrkräfte glauben, in der Bevölkerung ein relativ schlechtes Ansehen zu haben (s. Grafik).

Bemerkenswert ist allerdings, dass die Lehrkräfte einen Unterschied wahrnehmen, je nachdem, ob sie nach ihrem Ansehen auf lokaler oder Landesebene gefragt werden. Der Aussage „Lehrerinnen und Lehrer haben ein hohes Ansehen in der Stadt“ stimmen knapp 18 Prozent „eher oder ganz“ zu. Nur knapp acht Prozent meinen jedoch, dass Lehrerinnen und Lehrer „ein hohes Ansehen im Land“ haben. Dies erinnert an repräsentative Umfragen, nach denen das Ansehen der Lehrkräfte steigt, je genauer man sie kennt. So beurteilen Eltern von Schulkindern die Lehrer ihrer Kinder weitaus positiver als der Rest der Bevölkerung (z. B. IfD-Allensbach, Umfrage 10029, 2009). Aber auch der Rest der Bevölkerung sieht die Lehrkräfte bei weitem nicht so negativ, wie die befragten Lehrerinnen und Lehrer glauben. So sagen nur 37 Prozent der Bevölkerung, dass Lehrkräfte viel Freizeit hätten, von den befragten Eltern sind es 19 Prozent. In der alle zwei Jahre ermittelten Allensbach-Berufsprestige-Skala rangieren die Grundschullehrerinnen grundsätzlich unter den ersten fünf Berufen, die am meisten geschätzt werden, vor denen die Befragten am meisten Achtung haben.

Bei TALIS (GEW) besteht in der Einschätzung zwischen Männern und Frauen kein nennenswerter Unterschied. Wohl aber bewerten die Befragten ihr Ansehen auf lokaler Ebene dann deutlich höher, wenn sie auch den Leistungsstand ihrer Klasse deutlich besser als den der Parallelklassen einschätzen.

Die Ergebnisse sollten dazu anregen, über die Gründe für die unterschiedlichen und pessimistischen Selbsteinschätzungen der Lehrkräfte zu diskutieren. Vielleicht prägt die veröffentlichte, sehr kritische Meinung die Selbstwahrnehmung der Lehrerschaft sehr viel mehr als es einer selbstbewussten Profession zuträglich und angemessen ist.

Marianne Demmer,
Leiterin des GEW-Organisationsbereichs Schule

Erste Ergebnisse sowie technische Informationen zur TALIS-Studie der OECD sind in dem Band Creating Effective Teaching and Learning Environments veröffentlicht worden, der unter www.oecd.org/edu/
talis zum Download bereitsteht.

Literaturtipp:
Marianne Demmer, Matthias von Saldern (Hrsg.): „Helden des Alltags“. Erste Ergebnisse der Schulleitungs- und Lehrkräftebefragung (TALIS) in Deutschland. Die Deutsche Schule, Beiheft, Band 11 2010, 192 Seiten, 19,90 Euro.

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