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03.09.2010

Volksentscheid in Hamburg: „Die Zeit ist noch nicht reif“

E&W-Interview mit Christa Goetsch (GAL) zum Volksentscheid in Hamburg

E&W: Sie engagieren sich seit Jahren als Lehrerin, Schulpolitikerin und nun als Senatorin in Hamburg für längeres gemeinsames Lernen aller Kinder und Jugendlichen. Mit der Primarschule wären Sie dem Ziel ein gu­tes Stück näher gekommen, aber rund 270.000 Gegenstimmen im Volksentscheid haben Ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie hält man das aus?
Christa Goetsch: Ich kann nicht verleugnen, dass das ein herber Rückschlag ist. Die Erkenntnis ist bitter, dass die Zeit in Deutschland noch nicht reif ist für einen Paradigmenwechsel weg vom frühen Verteilen der Kinder hin zu einem längeren gemeinsamen Lernen. Ich sage es einmal so: Wir haben einen Brunnen gebohrt, aber die Menschen hatten noch keinen Durst.

E&W: Lag es nicht auch an den Eltern und Lehrkräften, die Ruhe vor all den Reformen haben wollten?
Goetsch: Einige dachten, es werde alles sofort geändert und sahen sich damit überfordert. Weil ich aber selbst aus der Praxis komme und schon viele Schulreformen erlebt habe, war es für mich sehr wichtig, dass wir die Reform Schritt für Schritt realisieren. Das konnten wir offenbar nicht allen vermitteln. Unterm Strich muss man sagen: Die Stimmung für den Umschwung war nicht da.

E&W: Die Initiative gegen die Primarschule war in den besser gestellten Stadtteilen stark verankert. Ist elitäres Abgrenzungsdenken schuld am Scheitern der Primarschule?
Goetsch: Ehrlicherweise muss man sagen, dass man in den sozial benachteiligten Stadtteilen auch gegen die Schulreform abstimmte.

E&W: Die Beteiligung an der Wahl war dort allerdings viel geringer (s. Seite 24 ). Warum sind gerade die, deren Kinder vom längeren gemeinsamen Lernen am meisten profitiert hätten, nicht zur Urne gegangen?
Goetsch: Ein wichtiger Grund: Migrantinnen und Migranten durften beispielsweise nicht wählen. Was mich persönlich aber sehr irritiert: Die Schulreform wurde nicht nur von allen in der Bürgerschaft vertretenen Parteien, von der CDU bis zur Linken, sondern auch von einem breiten außerparlamentarischen Bündnis aus Diakonie, Handwerkskammer, Gewerkschaften unterstützt und ist dennoch gescheitert. Dass die parlamentarische repräsentative Demokratie so wenig standhält, ist schon ein bedenkenswerter Vorgang.

E&W: Welchen Rat geben Sie anderen Bundesländern, Bildungsreformen auf den Weg zu bringen?
Goetsch: Man braucht Zeit, sehr viel Zeit. Eine Legislaturperiode ist dafür zu kurz.

E&W: Wie haben andere Landesregierungen auf die Niederlage reagiert?
Goetsch: Nun, die Kolleginnen und Kollegen aus den CDU-regierten Ländern haben keine Gelegenheit ausgelassen, um die angebliche Bedrohung aus Hamburg zu bekämpfen.

E&W: Die Hamburger CDU hat sich ja nicht gerade ins Zeug gelegt.
Goetsch: Ich würde nicht sagen, „die CDU“ – da gab es eine Reihe von Abgeordneten, die die Primarschule mit viel Engagement unterstützt haben.

E&W: Vom Gymnasium mag kein Land so recht lassen. Wäre es nicht pragmatischer, sich mit dem Zwei-Säulen-Modell abzufinden?
Goetsch: Richtig, der bundesweite Trend geht dahin. Wenn sich das verfes­tigen sollte, dann muss aber auch die Schule, die in 13 Jahren zum Abitur führt, die attraktive, gemeinsame Schule werden, die alle Abschlüsse anbietet.
 
E&W: Die Fixiertheit der Eltern auf Gymnasien und die damit verbundene soziale Spaltung lässt sich doch so nicht aus der Welt schaffen?
Goetsch: Wichtig ist doch, dass kein Kind in der Sackgasse landet. Es ging nie nur darum, die Struktur zu verändern. Längeres gemeinsames Lernen heißt nicht zwangsläufig besserer Unterricht. In Hamburg wird sich sowohl im Gymnasium als auch in der Stadtteilschule der Unterricht verändern, allein schon deshalb, weil nicht mehr ab- und umgeschult werden darf, sondern das Prinzip „Fördern statt wiederholen“ gilt. Auch die Gymnasien werden ihre Kinder von Klasse sieben bis zehn behalten.

E&W: Wie wird die Schulstruktur in zehn Jahren aussehen?
Goetsch: Alle Qualifikationen und Berufe werden sich auf einem höheren Niveau bewegen. Und wegen des demografischen Wandels wird vermutlich jeder Betrieb die Jugendlichen persönlich ansprechen, ob sie bei ihm eine Ausbildung machen wollen. Der Druck auf die Länder, tätig zu werden, wird sich weiter verschärfen. Für mich steht demnächst die Präsidentschaft in der Kultusminis­terkonferenz an und ich wünsche mir, dass wir in allen Bundesländern Wege beschreiten, die die Zersplitterung des Schulsystems aufheben. Wir werden es uns künftig nicht mehr erlauben können, auch nur einem einzigen Kind nicht die gleichen Chancen zu geben wie allen anderen.

Interview: Tina Fritsche, freie Journalistin

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