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Fachtagung KinderweltenDen rund 1 000 Teilnehmern der von der GEW und dem Projekt „Kinderwelten“ veranstalteten Tagung „Bildung konsequent inklusiv“ wurde im Juni in Berlin allerdings deutlich: Inklusion im Wortsinne – also Einschluss, nicht Ausschluss! – geht viel weiter. Rund 100 Kitas und einige Grundschulen, die sich in den vergangenen zehn Jahren den „Kinderwelten“ (siehe E&W 10/2005) verschrieben, haben (jedenfalls weitgehend) eine Lernumgebung geschaffen, die allen Kindern mit all ihren Ähnlichkeiten und Unterschieden gerecht wird. Die obersten Leitlinien lauten „Alle Kinder sind gleich - jedes Kind ist besonders“ und „Vielfalt respektieren – Ausgrenzung widerste-hen;“ der theoretische Ansatz dahinter: „Vorurteilsbewusste Pädagogik“ (Anti-Bias-Approach*).
Die US-amerikanische Erziehungswissenschaftlerin Louise Derman-Sparks hat ihn entwickelt – und kam nach Berlin, um die Früchte ihres Werks zu begutachten. „Fantastische Arbeit“ werde dort geleistet, lobte sie. Und sie machte noch einmal deutlich, wie künstlich das Separieren von Kindern je nach dieser oder jener Stärke oder Schwäche ist: „Kinder entwickeln ihre Identität im Paket - ihre ethnische, soziale, religiöse, körperliche. Nur für die Wissenschaft macht es Sinn, sie getrennt zu erforschen.“

Und wie gestalten die „Kinderwelten“ Vielfalt; wie verhindern sie Ausgrenzung? Ganz unterschiedlich. In der einen Kita folgerte man daraus, dass viele Mütter und Väter nicht zum Elternabend kommen: Ein neues Angebot muss her! Aus Abenden ohne Eltern wurden „Abholcafes“. Nun kommen die Erzieherinnen mit Müttern und Vätern in Sitzecken neben den Garderoben ins Gespräch. In einer anderen Kita sorgten Erzieher dafür, dass Kinder, die eine „Eins-zu-Eins-Betreuung“ brauchen, diese bekommen und machten sich mit vereinten Kräften für Einzelfallhelfer stark. An vielen Orten wurde der Hintergrund der Kinder überhaupt erst einmal präsent gemacht: beispielsweise mit Familienwänden, auf denen alle Kinder und Erzieherinnen ihr Zuhause vorstellen. Vielleicht vor allem anderen setzt vorurteilsbewusste Pädagogik Prozesse in den Köpfen in Gang: Was ist mit den eigenen Stereotypen? Wo hat man selbst Diskriminierung erlebt? Eine Erzieherin aus Jena erzählte in entwaffnender Offenheit: „Zuerst dachte ich: Ach ja, die Berliner mit all den Migranten, die brauchen so etwas. Und plötzlich erinnerte ich mich: Wo wurde ich und wo habe ich als Kind ausgegrenzt? Was passiert bei uns, wenn ein Kind das andere hänselt?“
Deutlich wurde auch: Jede Einrichtung, ob Kinderwelten oder nicht, kann sich weniger ausschließend gestalten. Wertvolle Hilfestellung bietet der „Index für Inklusion“, den der britische Erziehungswissenschaftler Tony Booth aus Cambridge ent-wickelt und den die GEW ins Deutsche übersetzt hat. In klei-nen bis kleinsten Schritten hilft der Inklusion-Leitfaden bei der Analyse des Ist-Zustandes: Er fragt, wie Kinder und Erzieher sich miteinander und untereinander verhalten - und gibt Tipps für Veränderung. Werden immer alle einbezogen? Kann immer jeder mitmachen? Welche Hürden gibt es?
In Berlin lieferte Booth nicht nur eine wundervolle Analyse des Ist-Zustandes – bis hin zu der Frage, ob eine Stundentafel von B wie Biologie bis W wie Werken nicht ein eher für Lehrer gemachter ist – und einer, der sich am Schülerinteresse orientiert, ganz anders aussehen müsste: mit einem Fächerkanon von „Ernährung und Wasser“ über „Energie und Mobilität“ sowie „Kunst und Musik“ bis zu „Ethik und Religion.“ Er stellte auch fest, dass das Thema komplex sei – aber Gott sei Dank nicht von einer Gruppe allein bewältigt werden muss! „Wenn wir uns zusammentun, sind wir sehr viele“ – und er meinte all jene, die sich für „Kinder mit und ohne Behinderung“, „Gesundheits-“, „Demokratie-“, „Friedens-“ oder „Mädchenförderung“, „Bilinguale Erziehung“ und „Mehrsprachigkeit“ einsetzen. Norbert Hocke vom Hauptvorstand der GEW konnte nur zustimmen: „Dass jede Gruppe ihre eigene Inklusion plant, ist ein überkommenes Modell.“
Jeannette Goddar, freie Journalistin