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12.06.2009

Welttag gegen Kinderarbeit

Weltweit arbeiten nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über 300 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren unter oft unmenschlichen Bedingungen der Ausbeutung. Was muss geschehen, um diesen Kindern zu helfen?

Seit Jahrzehnten befassen sich UNO, ILO, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen mit diesem Thema. Die Konventionen, Forderungen und Resolutionen füllen Bibliotheken. Geändert hat sich praktisch nichts. Aus Anlass des Welttags gegen Kinderarbeit am 12. Juni diskutierten der GEW-Vorsitzenden Ulrich Thöne und Norbert Hocke, GEW-Vorstandsmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit, gemeinsam mit Mitgliedern und Experten über die Ursachen von Kinderarbeit und mögliche Strategien, um Kinder wirksam vor Ausbeutung zu schützen.

Zwischen Ächtung und Achtung

In der Debatte um Kinderarbeit stehen sich zwei Positionen gegenüber. Die eine fordert die Ächtung und das Verbot von Kinderarbeit und die weltweite Durchsetzung des Rechts auf Schulbildung. Die andere geht von der real existierenden Lebenslage von Millionen von Kinder und dem Faktum von Kinderarbeit aus und verlangt wirksame Schutzrechte vor Ausbeutung sowie eine Verbindung von Arbeit und Bildung.
Auch in der GEW bewegt diese Debatte die Gemüter. Ein Workshop am 5./6. Juni 2009 in Berlin sollte Klarheit bringen. Rund 25 engagierte GEW-Mitglieder und Funktionäre sowie Experten und Gäste aus dem In- und Ausland tauschten ihre Erfahrungen aus. Die meisten fuhren mit einem veränderten Blick auf das komplexe Thema „Kinderarbeit“ nach Hause.

Neue Blickwinkel

Am Anfang stand die Einsicht in die Vielfalt der Kinderarbeit. Kinder arbeiten für ihr täglich Brot; sie helfen der Familie auf dem Feld oder im Haushalt; sie verdingen sich, weil sie Waisen sind und die jüngeren Geschwister ernähren müssen; sie schuften in Steinbrüchen, Minen und auf vergifteten Plantagen; sie malochen als Schuldknechte und Sklaven; sie arbeiten, um ihr Schulgeld zu verdienen, um sich ein Stück Unabhängigkeit und Würde zu erwerben.Für einen differenzierten Blick auf die Kinderarbeit sorgten die Inputs der Experten. Friedel Hütz-Adam vom SÜDWIND e. V. spannte einen Bogen von der Kinderarbeit in preußischen Bergwerken im 19. Jahrhundert zur Gegenwart und den Konventionen der ILO. Klaus Heidel, Koordinator des Deutschen NRO-Forums, legte erstmals empirisch gesicherte Zahlen vor, die z. T. neue Blickwinkel auf das weltweite Problem der Kinderarbeit eröffneten. Danach arbeiten etwa 317 Millionen Kinder zwischen fünf und 17 Jahren. Siebzig Prozent arbeiten in der Landwirtschaft, meist in der eigenen Familie; zwanzig Prozent im Dienstleistungsbereich und zehn Prozent im Verarbeitenden Gewerbe. Dabei ist die Kinderarbeitsquote in den Kontinenten und den verschiedenen Ländern höchst unterschiedlich. Ebenso zeigt sich, dass nicht alle armen Länder eine hohe Kinderarbeitsquote haben. Andererseits ist diese Quote in Ländern mit extremer Armut sehr hoch. Nicht zuletzt belegen die Zahlen, dass sich Arbeit und Schulbesuch nicht ausschließen müssen.

Erfahrungen aus Afrika und Lateinamerika

Trudy Kerperien von der niederländischen Bildungsgewerkschaft AOb berichtete über ein Kooperationsprojekt ihrer Organisation mit der marokkanischen Lehrergewerkschaft SNE. Ihr Fazit: Schulen mit gutem Unterricht und einem attraktiven Lernangebot verringern die Zahl der Schulabbrecher und sind damit ein wirksames Mittel gegen Kinderarbeit. Auch für Sandra Dworack von der Welthungerhilfe, die die Afrika Tour 2008 gegen Kinderarbeit vorstellte, ist klar: Für Kinder ist Schule der beste Arbeitsplatz. Manfred Liebel von der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie berichtete über seine Erfahrungen als Sozialarbeiter in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Kinderarbeit sei eine soziökonomische Realität. Für viele Kinder ist die Arbeit mehr als nur Broterwerb. Die Arbeit gebe ihnen auch Unabhängigkeit, Selbstwertgefühl und Würde. Ein Verbot der Kinderarbeit führe diese Kinder in die Illegalität. Die Diskussion dürfe sich deshalb nicht nur um das Für und Wider der Kinderarbeit drehen, sondern müsse vor allem auch deren Schutz und Rechte vor Ausbeutung in den Blick nehmen. Mit diesem Ziel hätten sich bereits in den siebziger Jahren in Lateinamerika und später auch in Afrika und Asien Kinderorganisationen gegründet. Sie kämpfen für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen und Bildungsmöglichkeiten sowie für rechtliche und soziale Anerkennung.

Kampf gegen kriminelle Ausbeutung

Ein erschütterndes Beispiel menschenverachtender Ausbeutung von Kindern lieferte die eingespielte ARD-Dokumentation „Sklavenkinder“. Unter den Teilnehmern bestand Einvernehmen, dass Sklavenhandel, Schuldknechtschaft und Kinderprostitution nicht als Kinderarbeit gelten dürfen. Hierbei handele es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dem mit Strafverfolgung zu begegnen sei.

In seiner Schlusszusammenfassung plädierte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne dafür, sensibel und situationsbezogen bei der Durchsetzung des Rechts auf Bildung für alle Kinder vorzugehen. Die Bildungsgewerkschaften müssten gleichzeitig an mehreren Fronten kämpfen:
-Als Bildungsorganisation müssten sie für das Grundrecht der Kinder auf Bildung streiten.
- Als Gewerkschaft müssten sie sich verstärkt für wirksame Arbeits- und Schutzrechte der arbeitenden Kinder einsetzen.
-Als den Menschenrechten verpflichtete gesellschaftliche Institutionen müssten sie im Kampf gegen verbrecherische Ausbeutung, Sklavenhaltung und Leibeigenschaft ihre gewerkschaftliche Organisationskraft in die Waagschale werfen.

Wörtlich sagte Ulrich Thöne: „Unsere Grundüberzeugung bleibt: Bildung ist der Ausweg aus Armut, Abhängigkeit und Ausbeutung und die Chance zu einem selbstbestimmten Leben in Würde.“

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