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15.08.2009

Wie kann man Erinnern wach halten?

Deutsche und israelische Gewerkschafter trafen sich zum 24. Deutsch-Israelischen Seminar in Berlin, um über die Shoa zu sprechen und wie man das Erinnern wach halten kann. Die Hamburger Gesamtschullehrerin Barbara Geier hat teilgenommen und berichtet über ein dichtes Programm, Gespräche am Abend und neue Freundschaften.

In Berlin trafen sich vom 19. - 24. Juli neunzehn israelische und elf deutsche GewerkschaftlerInnen von Histadrut Hamorim und GEW unter der Leitung von Dr. Avraham Rocheli und Till Lieberz-Groß zum 24. Deutsch-Israelischen Seminar. Der Ort der Zusammenkunft, die ver.di Tagungsstätte Berlin inmitten der Villengegend am Wannsee gelegen, war durch seine Nachbarschaft zum Haus der Wannseekonferenz ein Ort, an dem sich Geschichte und Gegenwart auch räumlich sehr nahe waren. In einem sehr dichten Programm präsentierten die KollegInnen ihre sehr unterschiedliche Arbeit in den beiden Ländern.

Der ehemalige Schulleiter und heutige Universitätslehrer Arie Kizel stellte uns die Unterschiede der Deutschen und Israelis in der Erinnerungsarbeit vor. Nurit Shapiro arbeitet in einem Erziehungsprojekt in Yad Vashem. Wie kann man Erinnern wach halten? . Nurit eröffnet über unterschiedliche Zugänge wie Briefkontakt mit Holocaustüberlebenden und selbst geschriebene Theaterstücke sowie bildliches Gestalten einen emotionalen Bezug zur Shoah, aber auch zur Ausgrenzung in der Gruppe/Klasse. Es stehen immer einzelne Menschen, Schicksale im Mittelpunkt. Auch Michal Eshel vermittelt Kindern über die Kunst einen Zugang zur Shoah. Einen ganz anderen Aspekt behandelte der wissenschaftliche Vortrag von Rachel Noy, die uns über die Darstellung der Shoah in arabischen Geschichtsbüchern berichtete, welche von Bagatellisierung, Leugnung bis zu Rechtfertigung reichen. Naomi Neubaur zeigte uns aktuelle Karikaturen aus arabischen Medien, die den Juden als Hitlerfaschisten, Welteroberer oder Schlächter zeigen. Othman Khatib, der einzig arabisch-israelische Kollege der Gruppe zeigte uns sehr eindrucksvoll, wie er mit seinen arabischen SchülerInnen die Shoah behandelt. Er arbeitet eng mit der jüdisch-arabischen Begegnungsstätte im Kibbuz von Lea Ashkenazi- Herz, die uns auch das dortige Museum zu Theresienstadt vorstellte. Dganit Peles stellte uns als Beispiel der Versöhnungsarbeit das von ihrem Vater gegründete jüdische Museum in Siegen vor. Von Yaffa Goldfuss, deren Schule vor allem SchülerInnen aus Äthiopien besuchen, erfuhren wir viel über den historischen Hintergrund der Auswanderung dieser Bevölkerungsgruppe, aber besonders über deren schulische und gesellschaftliche Integrationsschwierigkeiten. Der Umgang mit Werte-Erziehung stand im Mittelpunkt des Vortrags der sehr persönlichen Familiengeschichte von Paz Elnir. Auch Martine Sade war durch ihre aus Frankreich stammende Familie dazu angeregt über die Juden in Nordafrika zu forschen.

Links: Besuch des KZ Sachsenhausen - Mitte: Deutsche und Israelische TeilnehmerInnen im Ver.di Bildungszentrum - Rechts: Ausflug nach Berlin

Von deutscher Seite wurden vor allem Projekte gegen das Vergessen vorgestellt. Wolfgang Burth und Bernd Rotteneckern erforschten in unendlicher Kleinarbeit mit ihren SchülerInnen die Quellen der Synagoge in Eppingen, bzw. das Leben der Juden in Diersburg. Gerhild Kirschner recherchierte über vergessenes jüdisches Leben in dem Dorf Bonbaden. Renate Bauschke erarbeitete mit SchülerInnen die Geschichte des KZ Ahlem. Alle diese Projekte hatten neben dem pädagogischen Erfolg eine sehr große Öffentlichkeitswirksamkeit durch Errichtung von Gedenktafeln, Gedenkfeiern und Publikationen. Andreas Grewe berichtet von dem Mut machenden Austausch der Justus-von-Liebig Schule in Hannover mit der Kadoorieschule in Kfar Tavor. Barbara Geier stellte einen anderen Aspekt vor. Die Namensgebung ihrer Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Hamburg ist Verpflichtung . Das Engagement der Schule reicht von der Pflege eines Außenlagers des KZs Neuemgamme bis zur Anerkennung als 'Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage'.

Der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen führte uns mitten in die Ungeheuerlichkeit der Folter- und Todesmaschinerie des 3. Reiches. Beide Delegationen legten Kränze nieder und entzündeten Kerzen, die israelischen KollegInnen sangen ihre Nationalhymne und Yona Glik las das Totengebet. Der Ort ergiff uns alle und ließ uns sprachlos. Der Input des Seminars war sehr, sehr hoch. Jedes Referat bot viel Anlass zur Diskussion. Der Zeitmangel ließ aber auch Vieles unangesprochen. So kamen die beiden großen Themenfelder Pädagogik und gewerkschaftliche Arbeit nicht vor. Auch wenn wir durch Antje Aiger eine hervorragende Simultanübersetzung für das Seminar hatten, war es gut, Englisch als gemeinsame Kommunikationssprache nutzen zu können. So konnten wir Gedanken, die in den Vorträgen angerissen wurden, fortführen und vor allem über Persönliches reden und lachen. Wir waren uns darin einig: Schlafen können wir zu Hause. So nutzten wir die Abende ausgiebig mit Besuchen in der Berliner Innenstadt (der Aufwand hat sich gelohnt!) oder auf dem Rasen der Ver.di Tagungsstätte. Was machen deine Kinder? Wie wohnst du? Wie viel verdient eine deutsche Lehrerin? Kochst du? Was hast du beim Militär gemacht? Studiert man in Deutschland vor oder nach dem Militärdienst? Es ist sehr spannend, wie sich schon an der Art der Fragen Unterschiede zeigen. Staunen, dass ich Abiturienten über Zivildienststellen berate. Viele Gespräche über Kinder, Zukunftsperspektiven der jüngeren Generation, Reisen, Bücher, Musik. Erst nach etwas hartnäckigem Nachfragen, auch einmal ein Gedanke zum Krieg, zu Palästina. Nur ein kurzes Anreißen der israelischen Friedensbewegung. Politische Gespräche sind an den Abenden tabu. Gewerkschaftliche Gespräche kommen gar nicht auf. Ich kann sagen, ich habe neue Freundinnen und Freunde gefunden, mit denen ich auch in regem E-Mail Kontakt stehe. Das finde ich wunderschön, bei all der Schwere der Themen, mit denen wir uns während des offiziellen Programms auseinandergesetzt haben.

Barbara Geier, GEW Hamburg
(Fotos: Histadrut Hamorim)

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